Islam Makhachev und Ian Machado Garry treffen bei UFC 330 im Hauptkampf um den Weltergewichtstitel aufeinander, und ihre Stärken liegen weit auseinander. Garry arbeitet aus der Distanz und seine größte Stärke ist sein Striking, Makhachev sucht den Weg an den Käfig, in den Clinch und zu Boden. Für eine Wette auf diesen Kampf zählt deshalb vor allem, ob Garry die Takedowns verteidigen kann und wie viel Makhachev daraus macht, wenn er ihn einmal zu Boden gebracht hat.
Termin, Bilanzen und Maße vor dem Hauptkampf von UFC 330
Werte | Islam Makhachev | Ian Machado Garry |
|---|---|---|
Alter | 34 Jahre | 28 Jahre |
Herkunft | Dagestan, Russland | Dublin, Irland |
Bilanz | 28-1-0 | 17-1-0 |
Gewicht | 170 Pfund | 170 Pfund |
Größe | 177,8 Zentimeter | 190,5 Zentimeter |
Reichweite | 177,8 Zentimeter | 187,96 Zentimeter |
Auslage | Linksauslage | Rechtsauslage |
Garry bringt 12,7 Zentimeter mehr Größe und rund 10,2 Zentimeter mehr Reichweite mit. Makhachev muss diese Strecke bei jedem Griffansatz überwinden, ehe er Garry am Käfig oder im Clinch hat, und auf demselben Weg trifft Garry mit gestrecktem Arm bereits, ohne selbst in Reichweite zu stehen. Dazu kämpft Makhachev aus der Linksauslage und Garry aus der Rechtsauslage, sodass beide den Vorderfuß auf der jeweils entgegengesetzten Seite haben und sich spiegelverkehrt gegenüberstehen.
Der gerade Weg nach vorne führt aus dieser Aufstellung an Garrys Führhand vorbei, und Makhachev muss den Winkel erst verändern, bevor er greifen kann. Das schließt seinen Clinch nicht aus, es macht ihn nur aufwendiger, weil jeder Ansatz einen zusätzlichen Schritt kostet, und in genau diesem Schritt kann Garry treffen.
Wie Makhachev seine Kämpfe über Kontrolle gewinnt
2,45 Wirkungstreffer pro Minute landete Makhachev in der UFC, 1,45 ließ er selbst zu, dazu kamen 3,10 Takedowns pro 15 Minuten und 91 Prozent abgewehrte Takedowns. Den offenen Austausch von Schlägen sucht er dabei meistens nicht und braucht ihn auch nicht, denn er geht nach vorne, bindet den Gegner am Käfig und arbeitet von dort an den Takedown. Dass er selbst kaum zu Boden zu bringen ist, macht seine eigenen Ansätze weniger riskant, denn ein misslungener Versuch endet für ihn selten in einer Position, in der der Gegner die Runde übernimmt.
Gegen Jack Della Maddalena gewann er einstimmig nach fünf Runden, traf dabei 4 von 4 Takedowns und hielt 19:10 Minuten Kontrolle, mehr als drei Viertel der Kampfzeit. Gegen Renato Moicano war es nach 1 von 2 Takedowns und 1:27 Minuten Kontrolle bereits in Runde eins durch Submission entschieden. Gegen Dustin Poirier brauchte er 16 Ansätze, von denen 5 saßen, kam auf 10:23 Minuten Kontrolle und beendete den Kampf erst in Runde fünf, ebenfalls durch Submission. Damit stehen drei verschiedene Verläufe nebeneinander, eine Kontrolle über die volle Distanz, ein frühes Ende und ein spätes.
Zwei dieser drei Siege endeten durch Aufgabe, und die beiden Zeitpunkte liegen so weit auseinander, wie sie in einem Fünfrundenkampf liegen können, in der ersten und in der letzten Runde. Wer gegen Makhachev am Boden unter Kontrolle gerät, ist deshalb in keiner Phase des Kampfes sicher. Über die drei Kämpfe zusammen traf er 10 von 22 Takedowns, also knapp die Hälfte, und der Abstand zwischen den beiden Extremen ist groß, denn gegen Della Maddalena saß jeder Ansatz und gegen Poirier weniger als jeder dritte. Gegen Garry kommt der Reichweitenrückstand als klare Hürde dazu, denn jeder dieser Ansätze beginnt aus größerer Entfernung als gegen einen Gegner seiner eigenen Länge.
Ian Garry: auf Distanz stark und am Käfig angreifbar
Garry kam in der UFC auf 4,78 Wirkungstreffer pro Minute, fast doppelt so viele wie Makhachev, und steckte 2,86 selbst ein. Seine Arbeit läuft über die Distanz, er hält den Gegner mit der Länge vor sich, wechselt über Beinarbeit die Position und trifft aus einer Entfernung, in der der andere noch nicht ankommt. Der Reichweitenvorteil hilft ihm dabei nicht nur beim Treffen, er verschafft ihm auch den Bruchteil einer Sekunde mehr, um einen Griffansatz kommen zu sehen. Die Kehrseite steht direkt daneben, denn 52 Prozent Schlagdefensive heißen, dass fast jeder zweite Wirkungstreffer des Gegners bei ihm ankommt, und 80 Prozent abgewehrte Takedowns sind ein guter, aber kein unüberwindbarer Wert.
Gegen Belal Muhammad gewann Garry einstimmig über drei Runden, landete 72 von 141 Wirkungstreffern, also mehr als die Hälfte seiner Versuche, und kam auf 0:39 Minuten Kontrolle, brauchte also praktisch keine Zeit am Boden, um die Runden für sich zu entscheiden. Gegen Carlos Prates ging es über die volle Distanz von fünf Runden, wieder mit einstimmigem Punktsieg, 126 von 242 Wirkungstreffern, 4 von 19 eigenen Takedowns und 3:09 Minuten Kontrolle. Auch gegen Shavkat Rakhmonov fiel die Entscheidung erst nach fünf Runden einstimmig nach Punkten. In allen drei Fällen stand am Ende die vorgesehene Rundenzahl auf der Uhr.
Die 4 von 19 Takedowns gegen Prates sind die schwächste Zahl seines Profils, und sie betrifft genau den Weg, mit dem sich ein Kämpfer aus der Distanz Luft verschafft, wenn der Gegner näher kommt. Wer selbst kaum Takedowns durchbringt, kann einen Gegner, der auf Takedowns arbeitet, nicht mit dessen eigener Waffe beschäftigen, sondern muss ihn auf Abstand halten. Dass Garry drei Kämpfe hintereinander über die vorgesehene Distanz gebracht hat, zwei davon über fünf Runden, ist deshalb der belastbarste Teil seines Profils, denn er hält Tempo und Konzentration auch dann, wenn er über lange Strecken unter Druck steht.
Wo dieser Kampf zwischen Distanz und Bodenkontrolle kippt
Solange zwischen beiden ein Schritt Raum bleibt, bestimmt Garry, was passiert. Er bewegt sich seitlich weg, sobald Makhachev nach vorne kommt, trifft mit gestreckten Schlägen und hält ihn damit in einer Entfernung, aus der der Weg an den Körper zu weit ist. Für Makhachev heißt das, dass er den Reichweitenrückstand bei jedem einzelnen Ansatz neu überwinden muss, und je häufiger er ansetzt, desto öfter steht er dabei genau in dem Bereich, in dem Garry seine Treffer landet. Ein Kampf, der über weite Strecken so aussieht, geht rundenweise an Garry, ohne dass er dafür etwas Spektakuläres braucht.
Makhachevs Weg dagegen führt über Vorwärtsdruck an den Käfig. Er nimmt Schläge in Kauf, um in den Clinch zu kommen, presst Garry mit dem Rücken an den Käfig und greift dort nach den Beinen. Entscheidend ist dabei nicht der eine perfekte Takedown, sondern die Wiederholung: Er setzt an, wird abgewehrt, setzt neu an, und selbst ein abgewehrter Ansatz kostet Garry Kraft und drückt ihn in eine Position, in der er nicht mehr trifft.
Ist Garry unten, entscheidet sich die Runde daran, wie lange Makhachev ihn hält kann und ob ihm eine Submission gelingt. Bleibt Garry am Boden, gehört die Runde Makhachev, auch ohne Abschluss. Kommt Garry hoch und trennt sich vom Käfig, beginnt alles wieder mit der Distanzfrage, und der Kampf verlängert sich um genau diese Schleife.
Islam Makhachev vs. Ian Garry Tipps
1. Tipp: Über 3,5 Runden
Über 3,5 Runden verlangt, dass der Kampf über die Hälfte der vierten Runde hinaus läuft, und Garry hat in seinen jüngsten Kämpfen jedes Mal die vorgesehene Distanz ausgeschöpft, in den Fünfrundenkämpfen also deutlich mehr als diese Grenze. Er hat dabei nicht nur ausgehalten, er hat bis zum Ende der letzten Runde gearbeitet. Für diesen Tipp muss er nicht einmal Runden gewinnen, er muss nur im Kampf bleiben, und genau das ist die Disziplin, in der er seine Serie hat. Auf der anderen Seite braucht Makhachev seine Kontrolle wiederholt, ehe sie zum Abschluss führt, und gegen Poirier gelang ihm die Aufgabe erst in der letzten Runde, obwohl er den Kampf über weite Strecken bestimmt hatte. Kommt Garry in den ersten Runden immer wieder auf die Beine oder wehrt er die Ansätze am Käfig ab, läuft dieser Kampf zwangsläufig in die späten Runden.
Gegen Moicano war der Kampf schon in Runde eins vorbei, und dieser frühe Abschluss ist das offene Risiko des Tipps. Dafür braucht Makhachev keinen langen Anlauf, sondern einen einzigen Ansatz, der sitzt, denn am Boden sucht er die Aufgabe von der ersten Minute an. Gerät Garry früh am Käfig unter Kontrolle, kann der Kampf schon vor der Mitte der vierten Runde entschieden sein.
Ich entscheide mich trotzdem für Über 3,5 Runden, weil dieser Tipp von den beiden auf der breiteren Grundlage steht. Er verlangt kein bestimmtes Ergebnis, sondern nur, dass Garry das tut, was er in seinen letzten drei Kämpfen jedes Mal getan hat. Er weiß durchaus wie man Takedowns und Submissions verhindert, weshalb ich nicht denke, dass dieser Kampf bereits in den frühen Runden entschieden wird. Deshalb ist mein erster Tipp eine Under-Wette auf unter 3,5 Runden.
2. Tipp: Makhachev durch Punktentscheid
Zehn Kämpfe seiner Karriere hat Makhachev nach Punkten gewonnen, den Gegner also nicht beendet, sondern die Runden für sich entschieden. Dieser Weg passt genau zu einem Gegner, der lange auf Distanz bleibt und schwer vorzeitig zu bezwingen ist, denn beides zusammen führt zu einem Kampf, der über die vollen fünf Runden geht und am Ende nach Runden entschieden wird. Garrys Länge nimmt Makhachev dabei nichts von seinen Mitteln, sie macht sie nur langsamer, und je länger der Kampf dauert, desto mehr Runden entstehen, in denen die Kontrolle am Käfig den Unterschied macht.
Gegen diesen Tipp steht Makhachevs eigene Bilanz: 13 seiner 28 Karrieresiege holte er durch Aufgabe, dazu kommen zwei vorzeitige Erfolge in seinen drei jüngsten Kämpfen. Der Punktentscheid schließt damit genau den Weg aus, der bei ihm am häufigsten zum Sieg geführt hat. Allerdings wurde Ian Garry in seiner Karriere noch nie per Submission besiegt und hat gezeigt, dass seine Verteidigung am Boden sehr gut ist.
Ich setze deswegen auf Makhachev durch Punktentscheid, weil ich ihm die Kontrolle über die Runden zutraue und den Kampf ohnehin in der Länge erwarte. Es ist der engere der beiden Tipps, denn der Einwand trifft nicht den Sieger, sondern nur die Art seines Sieges. Trotzdem ist ein Sieg von Islam Makhachev durch Punktentscheid das wahrscheinlichste Szenario bei diesem Kampf.
Fazit und Prognose zu Makhachev gegen Garry
Garry hat die Mittel, die Anfangsphase über seine Länge zu bestimmen, Treffer zu setzen und Makhachev jedes Mal zurückzuschicken, wenn der aus der Distanz kommt; die ersten Runden dürften deshalb umkämpft bleiben. Je länger der Kampf läuft, desto häufiger wird Makhachev seinen Weg an den Käfig trotzdem finden, und mit jedem Ansatz verschiebt sich die Arbeit dorthin, wo Garry am wenigsten anzubieten hat. In ihren jüngsten Fünfrundensiegen kontrollierte Makhachev deutlich länger als Garry, und in einem Kampf, der nicht vorzeitig endet, fällt die Wertung der Runden über genau diese Arbeit.
Bringt Garry Makhachev über Beinarbeit und Volumen dazu, viele Ansätze ohne Ertrag zu setzen, gewinnt er genug Runden für eine Entscheidung zu seinen Gunsten, und dass ihm die Kraft dafür bis zum Schluss reicht, hat er dreimal hintereinander gezeigt. Trotzdem ist Makhachev einer der dominantesten Kämpfer in der Geschichte der UFC. Er hat seine letzten 16 Kämpfe in Folge gewonnen und ist dabei selten in Gefahr geraten. Deswegen denke ich, dass er sich auch hier durchsetzen kann, auch wenn ich einen engen Kampf erwarte.



