Deutschland gegen Curaçao klingt nach einem klaren Ding: die Nummer 10 der Welt gegen die Nummer 82, ein Schwergewicht des Fußballs gegen die kleinste Nation, die sich je für eine WM qualifiziert hat. Beim einfachen Tipp auf den deutschen Sieg springt kaum mehr als der Einsatz heraus. Die Frage, an der wirklich Geld hängt, steckt woanders.
Sie lautet nicht, ob Deutschland gewinnt, sondern wie hoch und wie früh. An der Tordifferenz und am Tempo entscheidet sich, ob aus einem klaren Favoriten auch eine gute Wette wird. Ein Pflichtsieg auf dem Papier ist noch lange kein einfacher Tipp.
Denn ein Turnierauftakt folgt eigenen Regeln, und auf der Gegenseite steht mit Dick Advocaat ein 78 Jahre alter Trainer, der schon drei Weltmeisterschaften erlebt hat und sein Team tief und kompakt stellen wird. Wie deutlich und wie schnell Deutschland diesen Block knackt, hängt an Details: am ersten deutschen Tor, an der eigenen Abwehr und an der Frage, wie ernst die Mannschaft einen vermeintlichen Selbstläufer nimmt.
Deutschland: neun Siege in Serie, aber eine wackelige Abwehr
Die Form spricht eine deutliche Sprache. Deutschland geht mit neun Siegen nacheinander in das Turnier, zuletzt mit einem 2:1 in der Generalprobe gegen die USA am 6. Juni in Chicago. Kai Havertz traf dort schon in der zweiten Minute, Leroy Sané machte in der zweiten Halbzeit den Deckel drauf. Eine Mannschaft, die so früh trifft und danach nicht mehr aus dem Tritt kommt, ist genau das Profil, das beide Tipps brauchen.
In den vier Testspielen dieses Jahres hat Deutschland zwölf Tore erzielt: 4:3 gegen die Schweiz, 2:1 gegen Ghana, 4:0 gegen Finnland und das 2:1 gegen die USA. Nach vorn brennt also einiges an, und das stützt die Idee vom hohen Sieg.
Die Offensive ist das Pfund
Nagelsmann hat im Angriff eine Auswahl, von der andere träumen. Florian Wirtz und Jamal Musiala ziehen im Zentrum die Fäden, Havertz besetzt die Spitze, dazu kommen Sané und ein formstarker Deniz Undav, der beim 4:0 gegen Finnland seine Klasse mit zwei Toren und einer Vorlage unter Beweis gestellt hat. Musiala kehrt zwar erst aus einer langen Verletzung zurück, doch Nagelsmann hat ihn ohne Zögern nominiert und zweifelt nicht an seiner Klasse.
Der Haken: hinten wackelt es
Eine Sache passt nicht ins Bild vom souveränen Durchmarsch. Deutschland hat in drei der vier Tests ein Gegentor kassiert, gegen die Schweiz sogar drei. Fünf Gegentore in vier Spielen sind für einen WM-Mitfavoriten viel, nur gegen Finnland blieb die Null stehen.
Für die reine Siegfrage spielt das keine Rolle. Für ein Handicap minus 3,5 schon, denn jedes Gegentor frisst einen Teil des Vorsprungs. Ein 4:1 reicht noch, ein 3:1 nicht mehr. Verteidigt Deutschland weiter so anfällig, kann selbst ein deutlicher Sieg am hohen Handicap vorbeigehen.
Wie stark ist Curaçao wirklich?
Den Namen Curaçao hatten vor dieser Qualifikation die wenigsten auf dem Zettel, und die nackten Zahlen laden zum Unterschätzen ein. In der FIFA-Rangliste steht die Karibikinsel nach dem letzten Stand vor dem Turnier auf Platz 82, Deutschland auf Platz 10. Curaçao hat rund 156.000 Einwohner, etwa so viele wie Heidelberg oder Paderborn, und ist damit die kleinste Nation, die sich je für eine WM qualifiziert hat. Der bisherige Rekordhalter Island hatte 2018 mehr als die doppelte Bevölkerung.
Der Weg zur WM war kein Zufall
In der CONCACAF-Qualifikation blieb Curaçao ungeschlagen durch die entscheidende Runde und erzielte 28 Tore, mehr als jede andere Mannschaft des Verbands. Das ist kein Team, das sich nur hinten reingestellt und ins Turnier gezittert hat, sondern eine Elf, die selbst trifft.
Auf der Bank sitzt mit Dick Advocaat ein Routinier, der schon die Niederlande und Südkorea zu Weltmeisterschaften geführt hat. Anfang des Jahres war er aus privaten Gründen zurückgetreten und kehrte wenige Wochen vor dem Auftakt zurück. Ein Trainer dieser Erfahrung lässt gegen Deutschland nicht offen spielen, sondern tief verteidigen und auf Konter und Standards lauern. Dieses Szenario kann beiden Tipps gefährlich werden.
Die Schlüsselspieler kommen aus Europa
Der Kader ist fast komplett in den Niederlanden geboren und in europäischen Ligen geschult, nur einer der 26 Spieler kam auf der Insel selbst zur Welt. Das hebt das Niveau über das, was Platz 82 vermuten lässt.
Der gefährlichste Mann ist Tahith Chong, ausgebildet bei Manchester United, mit einer Leihstation bei Werder Bremen, heute bei Sheffield United. Im Mittelfeld zieht Kapitän Leandro Bacuna mit langer England-Erfahrung die Fäden, im Tor steht der Rekordspieler Eloy Room. In der Qualifikation fielen außerdem Juninho Bacuna mit seiner Zweikampfstärke und Torjäger Gervane Kastaneer mit fünf Treffern auf.
Das ist kein Gegner, der sich kampflos vier oder fünf Tore einschenken lässt. Es ist aber auch keine Abwehr, die mit der Weltklasse mithält, wie der jüngste Test deutlich gezeigt hat.
Wo das Spiel früh kippen kann
Ein Duell zwischen einem Favoriten und einem tief stehenden Außenseiter entscheidet sich selten in der Mitte des Feldes. Es entscheidet sich an den Rändern, bei ruhenden Bällen und in der Frage, wer den ersten Treffer setzt. Drei Punkte sind dabei wichtiger als alles andere.
Das frühe Tor ist der Schlüssel
Fällt das 1:0 für Deutschland früh, bricht Curaçaos Plan in sich zusammen. Ein tiefer Block lebt davon, das 0:0 zu halten und den Favoriten ungeduldig werden zu lassen. Geht Curaçao früh in Rückstand, muss es weiter aufrücken, und dann öffnen sich die Räume, die Deutschland für weitere Tore braucht. Havertz' Treffer aus der zweiten Minute gegen die USA hat gezeigt, dass Deutschland früh zuschlagen kann.
Bleibt es dagegen lange 0:0, wächst der Druck beim Favoriten, und ein einzelner Konter oder eine Standardsituation kann das ganze Bild kippen. Genau darauf wird Advocaat spielen.
Tempo über die Flügel gegen tiefe Abwehr
Gegen einen Gegner, der den Strafraum zustellt, ist Tempo über außen die naheliegende Waffe. Mit Sané, Wirtz und Musiala hat Deutschland die Spielertypen, um eine tiefe Abwehr mit Dribblings und schnellen Verlagerungen aufzureißen. Je länger das Spiel dauert und je müder Curaçaos Beine werden, desto eher zahlt sich dieses Tempo in späten Toren aus.
Curaçaos einzige Chance heißt Konter
Nicht vergessen: Curaçao kann selbst Tore. Mit Tahith Chong steht ein Mann bereit, der nach einem Ballgewinn allein das Tempo hochfahren kann. Das würde das Spiel jedoch nicht zwangsläufig öffnen, da Curacao danach noch tiefer stehen kann. Allerdings ist es eher unwahrscheinlich, dass sie den ersten Treffer der Partie erzielen.
Deutschland vs. Curacao Wett-Tipps
Tipp 1: Deutschland mit Handicap - 3,5
Damit dieser Tipp gewinnt, muss Deutschland mit vier Toren Vorsprung gewinnen, also etwa 4:0, 5:0 oder 5:1. Ein 3:0 oder 3:1, das viele schon als Machtdemonstration werten würden, reicht nicht. Die Wette steht und fällt nicht mit dem Sieg, sondern mit der Höhe.
Vieles spricht dafür. Der Klassenunterschied ist riesig, Deutschland hat in vier Tests zwölf Tore erzielt, und mit Schottland hat ein Team, das schwächer ist als die DFB-Elf, dem Gegner gerade erst vier Stück eingeschenkt. Dazu kommt die Bank: Nagelsmann kann in der zweiten Halbzeit frische Offensivkräfte bringen, während Curaçaos Beine schwerer werden. Genau in dieser Phase fallen gegen tiefe Abwehrreihen oft die Tore drei, vier und fünf.
Meine Einordnung: Der Tipp hat eine reale Grundlage, vor allem wegen des Schottland-Spiels und der Breite im deutschen Angriff. Mit Finnland haben sie einen wahrscheinlich sogar besseren Gegner mit 4;0 deutlich geschlagen, auch wenn das nur ein Testspiel war. Er ist aber kein Selbstläufer, sondern eine Wette auf einen Kantersieg ohne oder mit höchstens einem Gegentor. Am Ende denke ich jedoch, dass die Chancen für die Handicap-Wette auf einen Sieg der Deutschen mit -3,5 Toren ziemlich gut stehen.
Tipp 2: Über 1,5 Tore in der ersten Halbzeit
Hier müssen bis zum Pausenpfiff mindestens zwei Tore fallen, egal von welcher Mannschaft. Anders als beim Handicap reicht es nicht, dass Deutschland am Ende klar führt. Die Tore müssen früh kommen, und genau das macht diesen Tipp schwerer einzuschätzen.
Das Argument dafür ist, wie früh Deutschland treffen kann. Gegen die USA stand es nach Havertz' Tor schon in der zweiten Minute 1:0, und ein Favorit, der so früh führt, legt gegen einen offen werdenden Gegner gern nach. Macht Deutschland auch in Houston schnell das erste Tor und muss Curaçao deshalb aufrücken, sind zwei Treffer vor der Pause gut möglich.
Das Gegenargument wiegt aber schwerer als beim Handicap, und zwar wegen Advocaat. Ein erfahrener Trainer stellt sein Team zum Auftakt nicht naiv auf. Die erste halbe Stunde dient oft dazu, das Spiel zu beruhigen, kompakt zu stehen und den Favoriten nicht früh durchzulassen. Allerdings ist die Qualität im Angriff der deutschen Nationalmannschaft sehr hoch, weshalb es nicht verwunderlich wäre, wenn sie den Tiefen Block von Curacao bereits früh knacken. Nach dem ersten Tor müsste Curacao selbst aktiver werden, was die gesamte Partie öffnen würde.
Prognose und Fazit
Alles spricht für einen klaren deutschen Sieg, und genau so sehe ich das Spiel auch kommen. Deutschland wird über weite Strecken den Ball haben, Curaçao wird tief stehen und auf den einen Konter hoffen. Die Frage ist nur, wie oft die deutsche Offensive durch die tiefe Abwehr kommt, bevor beim Außenseiter die Kräfte nachlassen.
Ich rechne mit einem 4:0 für Deutschland. Das erste Tor fällt aus meiner Sicht in der ersten halben Stunde, danach kontrolliert Deutschland die Partie und legt vor allem nach dem Wechsel mit frischen Kräften nach. Den Schlüssel sehe ich in der Anfangsphase. Trifft Deutschland früh, kann daraus ein hoher Sieg werden, weil Curaçao dann aufmachen und Räume preisgeben muss. Bleibt der Außenseiter lange kompakt, schleppt sich die Partie womöglich bis in die zweite Halbzeit, ehe die klare Entscheidung fällt.



