Den ersten Satz gegen Tommy Paul hatte Flavio Cobolli mit 2:6 abgegeben, mit wenig Energie und ohne Druck im Aufschlag. Bei 5:2 im zweiten ließ er sich an der Seitenlinie eine Packung Schokolinsen bringen, er habe sich müde gefühlt und Zucker gebraucht, sagte er danach. Kurz darauf glich er aus, am Ende stand er im ersten Masters-1000-Halbfinale seiner Karriere. Am Samstag trifft er auf Arthur Fils, und die beiden kommen aus zwei völlig verschiedenen Turnierwochen. Was schwerer wiegt, der Platz in der Rangliste oder die Stunden auf dem Platz, entscheidet diese Partie.

Die unterschiedlichen Wege in das Halbfinale

Beide haben vier Partien gewonnen, und darin endet die Ähnlichkeit. Cobolli musste jedes Mal über die volle Distanz, dreimal nach verlorenem Satz, und stand nach dem Viertelfinale bei 8:58:54 Spielzeit. Fils brauchte für dieselben vier Runden 6:04:48, also 2:54:06 weniger, und gewann zwei Partien in zwei Sätzen. Das ist fast eine komplette Dreisatzpartie Unterschied, und sie fiel in der Hitze eines nordamerikanischen Augusts an.

Cobollis Spiele bei den Cincinnati Open:

Runde

Cobollis Gegner

Ergebnis

Dauer

Asse / Aufschlagspiele

Runde der letzten 64

Miomir Kecmanovic

6:1, 4:6, 6:3

2:00:38

13 / 13

Runde der letzten 32

Alexander Blockx

7:5, 4:6, 7:5

2:29:03

3 / 17

Achtelfinale

Rafael Jodar

4:6, 7:6 (3), 6:3

2:31:35

8 / 16

Viertelfinale

Tommy Paul

2:6, 6:3, 6:4

1:57:38

10 / 14

Arthur Fils Spiele bei den Cincinnati Open:

Runde

Fils' Gegner

Ergebnis

Dauer

Asse / Aufschlagspiele

Runde der letzten 64

Yannick Hanfmann

7:6 (5), 6:1

1:36:28

7 / 9

Runde der letzten 32

Jiri Lehecka

6:1, 6:7 (7), 6:3

2:01:22

7 / 15

Achtelfinale

Alex de Minaur

6:3, 6:4

1:22:15

2 / 10

Viertelfinale

Thiago Agustin Tirante

6:3, 6:2

1:04:43

3 / 9

Die Gegnerliste spricht dabei für den Franzosen. Fils hat mit de Minaur und Lehecka die beiden höchstgesetzten Spieler aus diesen zwei Turnierhälften geschlagen, Cobollis stärkster geschlagener Gegner ist Paul. Sein Viertelfinale war zudem der schnellste Sieg dieses Turniers, und einen Breakball gegen sich ließ er darin nicht zu. Wer eine Partie so gewinnt, hat sie nicht knapp gewonnen.

Ein Gegenargument liefert allerdings die Kreuzung beider Turnierwege. Rafael Jodar hat Fils in dieser Saison zweimal geschlagen, in Washington und im Viertelfinale von Montreal, jedes Mal 6:7 (5), 3:6. Cobolli hat denselben Jodar hier im Achtelfinale über drei Sätze aus dem Turnier genommen. Umgekehrt verlor Cobolli seine Auftaktpartie in Montreal gegen Yannick Hanfmann, den Fils in der Runde der letzten 64 in zwei Sätzen abfertigte.

Stärken und Schwächen am Aufschlag

Zehn Breaks hat Cobolli in dieser Woche abgegeben, Fils zwei. Beide Zahlen stammen aus denselben vier Runden auf demselben Platz und sagen deshalb mehr über Samstag als jeder Saisonwert, in dem noch Sand, Rasen und Gegner aus dem Januar stecken. Die folgende Aufstellung fasst alle vier Partien je Spieler zusammen.

Kennzahl in Cincinnati, vier Partien

Cobolli

Fils

Asse je Aufschlagspiel

0,57

0,44

Erste Aufschläge im Feld

56 %

63 %

Punkte nach erstem Aufschlag

72 %

79 %

Punkte nach zweitem Aufschlag

56 %

64 %

Breakbälle abgewehrt

66 %

80 %

Aufschlagspiele gewonnen

83 %

95 %

Aufschlagpunkte gewonnen

65 %

73 %

Punkte gesamt gewonnen

52 %

57 %

Mehr Asse und weniger gewonnene Aufschlagspiele

Beim Ass liegt Cobolli vorn, in dieser Woche wie über die gesamte Hartplatzsaison. Alles andere an seinem Aufschlag geht an Fils, und die Ursache steckt hinter dem ersten Ball: Der landet bei Cobolli nur in etwa jedem zweiten Versuch im Feld, und danach beginnt die Arbeit. 29 Breakbälle musste er in vier Partien abwehren, Fils nur 10. Gegen Kecmanovic schlug er 13 Asse und 8 Doppelfehler in derselben Partie, dieselbe Bewegung produziert beides. Dazu kommt, dass Cobolli mehr einfache Fehler macht, was ihm sowohl im Aufschlagspiel als auch bei seinen Returns Punkte kostet.

Bemerkenswert ist dabei, dass diese Woche über seinem Normalmaß liegt. Über die Hartplatzsaison bleibt Cobolli unter der Hälfte aller gewonnenen Punkte, in Cincinnati liegt er darüber. Er spielt also besser als sonst und ist trotzdem der schwächere der beiden Aufschläger. Im Rückschlag trennt die zwei fast nichts, Cobolli hat sich mit 35 Breakchancen sogar mehr erarbeitet als Fils mit 30. Der Unterschied liegt vollständig im eigenen Aufschlagspiel.

Wie er das ausgleicht, zeigte das Viertelfinale. Gegen Paul gewann er im dritten Satz jeden der zwölf Punkte, in denen sein erster Aufschlag im Feld landete, und entschied die Begegnung mit einem einzigen Punkt Vorsprung.

Wo Fils die Partie kontrolliert

Zwei Breaks in 43 Aufschlagspielen, das ist die Zahl, an der dieses Halbfinale hängt. Gegen Tirante ließ Fils keinen einzigen Breakball zu, gegen de Minaur wehrte er beide ab, die überhaupt entstanden. Wer so aufschlägt, eröffnet einem Gegner kaum Gelegenheiten, und Cobolli braucht Gelegenheiten, weil sein eigenes Aufschlagspiel nicht immer sicher ist.

Die Schwachstelle des Franzosen liegt nicht im Aufschlag, sondern in der Konstanz über eine ganze Partie. Gegen Lehecka führte er mit 6:1 und verlor den zweiten Satz im Tiebreak, gegen Hanfmann brauchte er einen Tiebreak für den ersten Satz. Beide Male gewann er trotzdem, aber beide Male gab es ein Fenster.

Flavio Cobolli vs. Arthur Fils direkter Vergleich

Zweimal haben sich die beiden getroffen, zweimal gewann Fils. Cobolli hat gegen ihn noch nie gewonnen. So klar diese Bilanz aussieht, so wenig lässt sich für Samstag daraus ableiten. Keine der beiden Begegnungen fand auf Hartplatz im Freien statt, und die jüngere liegt sechzehn Monate zurück.

Die erste war 2023 die Gruppenphase des Nachwuchs-Saisonabschlusses, in der Halle und im Kurzsatzformat mit Sätzen bis vier gewonnene Spiele, das Fils 4:1, 4:2, 4:2 gewann. Ein solcher Satzverlauf sagt über eine Partie über normale Sätze wenig, und Cobolli war damals 21 Jahre alt. Die zweite war 2025 die Runde der letzten 32 von Monte-Carlo auf Sand, ein 6:2, 6:4 in 1:10 Stunden, in dem Cobolli nur 56 Prozent seiner Aufschlagpunkte holte und Fils 72 Prozent. In dieser Partie fiel bei beiden zusammen genau ein Ass in 18 Aufschlagspielen, was zeigt, wie weit Sand von der Frage dieses Samstags entfernt ist.

Flavio Cobolli - Arthur Fils Tipps

Wett-Tipps Flavio Cobolli - Arthur Fils
Cincinnati Open
01
Sieg Cobolli +1,5 1,84
02
Cobolli erzielt über 5,5 Asse 1,68

1. Sieg Cobolli +1,5

Mein erster Tipp für diese Partie ist eine Handicap Wette auf Flavio Cobolli +1,5 Sätze. Er geht auf, wenn Cobolli die Partie gewinnt oder sie mit 1:2 Sätzen verliert, und nur ein 0:2 lässt ihn verlieren. Was dafür spricht, ist zuerst die Woche selbst. In allen vier Partien hat Cobolli mindestens einen Satz geholt, in dreien davon einen Satz nach Rückstand gedreht, gegen Jodar und gegen Paul jeweils nach verlorenem ersten Durchgang. Ein Spieler, der viermal bewiesen hat, dass er auch in schwierigen Situationen wieder ins Spielen finden kann, ist nicht leicht zu bezwingen.

Dazu kommt die Saison, die hinter ihm liegt. Cobolli stand 2026 im Endspiel von Roland Garros, gewann in Acapulco seinen ersten Titel auf Hartplatz, erreichte das Endspiel von München, wo er im Halbfinale Alexander Zverev schlug, und stand im Viertelfinale von Wimbledon. Er ist als Nummer 10 der Rangliste der höher platzierte Spieler, und in der Live-Wertung sogar Sechster. Sein Sieg über Jodar wiegt in dieser Paarung doppelt, weil an genau diesem Gegner der Franzose in Washington und in Montreal gescheitert ist. Und über die Distanz zerbricht Cobolli nicht. Deshalb glaube ich nicht, dass er in zwei Sätzen verliert. Ich erwarte eher, dass er die Partie ausgeglichen gestaltet.

2. Cobolli erzielt über 5,5 Asse

Diese Wette verlangt sechs Asse, und die Turnierwerte liegen darüber. In Cincinnati kam Cobolli auf 13, 3, 8 und 10 Asse, in drei der vier Partien also klar über der Grenze, im Viertelfinale gegen Paul mit 10 Assen am zweithöchsten. In Summe sind das 34 Asse in 60 Aufschlagspielen, ein Wert von 0,57 je Aufschlagspiel, und weil seine Partien hier durchgehend über drei Sätze gingen, standen ihm im Schnitt fünfzehn Aufschlagspiele zur Verfügung.

Der Saisonwert stützt das. Auf Hartplatz kommt Cobolli 2026 auf 0,64 Asse je Aufschlagspiel und liegt damit über seinem Wert von 0,50 über alle Beläge und über den 0,54 von Fils. Das Ass ist die eine Kategorie, in der er dem Franzosen auf diesem Boden voraus ist. Auch der Belag steht dem nicht entgegen. Die acht Gegner aus diesen beiden Turnierwegen kamen zusammen auf 54 Asse in 98 Aufschlagspielen, also 0,55 je Aufschlagspiel, darunter Paul mit 12 Assen in 13 Aufschlagspielen und Alexander Blockx mit 10 in 17.

Das Risiko steckt in derselben Partie gegen Blockx, in der Cobolli selbst nur 3 Asse in 17 Aufschlagspielen schlug. Auch eine lange Partie garantiert die sechs Asse also nicht, zumal Asse fast ausschließlich hinter dem ersten Aufschlag fallen und Cobolli davon nur 55 Prozent im Feld unterbringt, gegen Paul waren es 54 Prozent. Trotzdem ist sein erster Aufschlag, wenn er im Feld landet, sehr gefährlich und kann immer zu einem Ass führen. Er ist zwar nicht groß genug für einen klassischen Servebot, allerdings gleicht er das mit einer guten Präzision und durch einen klugen Winkel aus, weshalb er bislang bereits 34 Asse bei den Cincinnati Open geschlagen hat.

Fazit und Spielprognose

Die Zahlen sprechen für Fils. Er ist der stabilere Aufschläger, hat die stärkeren Gegner geschlagen, führt den direkten Vergleich und geht mit fast drei Stunden weniger in den Beinen in diese Partie. Cobolli ist aber auf keinen Fall chancenlos und hat durchaus einige Punkte, die für ihn sprechen: Er hat dieses Jahr viel Erfahrung in großen Spielen gesammelt und immer wieder bewiesen, dass er sich in Spiele hineinarbeiten kann.

Ich erwarte deshalb eine Partie über drei Sätze, in der sich beide am Ende durchsetzen können. Auch wenn Fils der Favorit in dieser Partie ist, halte ich eine weitere Überraschung von Cobolli nicht für unmöglich.