Am Sonntag um 15:30 Uhr treffen in der MVM Dome von Budapest zwei Spieler aufeinander, die in der Order of Merit direkt hintereinander stehen und deren Jahre trotzdem kaum verschiedener verlaufen könnten. Stephen Bunting ist Neunter, Gary Anderson Zehnter, dazwischen liegen 12.500 Pfund. Am Samstag warf Anderson mit 105,27 den höchsten Average des gesamten Spieltags, der nächstbeste Wert lag bei 101,33. Und weil der topgesetzte Luke Humphries am Abend zuvor mit 3:6 gegen Dirk van Duijvenbode ausgeschieden ist und auch Titelverteidiger Niko Springer das Turnier verlassen hat, führt aus diesem Achtelfinale ein sehr viel kürzerer Weg zum Titel als noch am Freitag.
Wie stark ist Gary Anderson im Moment wirklich?
Der Sieg über Krzysztof Ratajski war für Anderson mehr als ein gelungener Auftakt, denn es war sein erster Sieg auf der European Tour im Jahr 2026. Bei den beiden Turnieren der Serie, die er zuvor gespielt hatte, war er jeweils in seiner ersten Partie hängengeblieben, im Februar mit 2:6 gegen Wessel Nijman, im April mit 3:6 gegen Springer. Das Achtelfinale an diesem Sonntag ist deshalb seine erste Achtelfinalteilnahme in dieser Serie in dieser Saison.
Diese Nüchternheit gehört zum Bild, denn die Zahlen daneben sind erstklassig. Im Jahresfenster seit September steht Anderson mit einem Average von 98,43 auf Rang 4 der besten 32 Spieler, vor Michael van Gerwen und deutlich vor Bunting. Seine Checkout-Quote liegt bei 41,26 Prozent, auf den ersten neun Darts eines Legs kommt er auf 107,36. Der auffälligste Wert steht bei den Anwürfen. Wenn der Gegner beginnt, kommt Anderson auf 100,24, mit eigenem Anwurf dagegen auf 96,80. Er wirft also besser, wenn er hinterherwirft, und genau diese Eigenschaft entscheidet kurze Formate, in denen ein einziger Break das Spiel dreht.
Auf großer Bühne hat er das zuletzt bewiesen. Bei der Weltmeisterschaft erreichte er das Halbfinale und schlug auf dem Weg dorthin van Gerwen mit 4:1, ehe er Gian van Veen mit 3:6 unterlag. Beim World Matchplay im Juli fertigte er Ryan Joyce mit 10:2 bei einem Average von 109,96 ab, schlug Jonny Clayton mit 11:7 und verlor erst im Viertelfinale mit 13:16 gegen van Duijvenbode. Was ihm 2026 fehlt, ist der Titel auf der Pro Tour, und die Jahresrangliste weist ihn nur als Dreißigsten mit 92.250 Pfund aus. Das liegt jedoch nicht nur an seinen Leistungen, sondern auch daran, dass er an wenigen Events teilgenommen hat.
Warum Buntings Saison hinter seinem Rang zurückbleibt
Am 21.07. verlor Bunting beim World Matchplay das Achtelfinale mit 6:11 gegen Josh Rock und blieb dabei bei einem Average von 82,90, dem schwächsten Wert seiner vergangenen Wochen. Der Abend steht für ein Jahr, in dem er das genaue Gegenteil von Anderson getan hat: Er hat 2026 bereits 115 Partien bestritten, 67 davon gewonnen, 48 verloren, während Anderson im selben Zeitraum auf 53 Partien kommt.
Auch die Statistiken fallen zu Buntings Ungunsten aus, im Average ebenso wie beim Checkout und bei der Verwertung am Doppel. Bei acht Majors in Folge hat er das Viertelfinale verpasst, und auch auf der Floor-Tour wechseln starke Läufe mit frühen Niederlagen.
Am deutlichsten wird das Problem aber genau dort, wo diese Partie stattfindet. Bunting hat 2026 neun Turniere der European Tour gespielt und dabei viermal das Achtelfinale erreicht, mit einem Sieg und drei Niederlagen. Die drei Niederlagen endeten 3:6 gegen Nijman, 2:6 gegen Rob Cross und 1:6 wieder gegen Nijman. Er holte darin also drei, zwei und ein Leg. Sein bestes Ergebnis der gesamten European-Tour-Saison bleibt das Viertelfinale beim ersten Turnier im Februar.
Damit ist nichts über das gesagt, was Bunting an einem guten Tag leisten kann. Am 28.09.2025 gewann Bunting ein Turnier dieser Serie, im Finale mit 8:3 gegen Luke Woodhouse bei einem Average von 103,90. Im Mai 2026 gewann er einen Spielabend der Premier League und schlug im Finale Humphries mit 6:3 bei 106,37. Das Niveau für tiefe Läufe ist also vorhanden, allerdings hat er zurzeit Schwierigkeiten, konstant gute Leistungen abzuliefern.
Stephen Bunting vs. Gary Anderson direkter Vergleich
Kaum ein Duell zweier Spieler aus den Top Ten ist so einseitig verlaufen wie dieses. 22 Begegnungen sind zwischen beiden erfasst, davon gingen 16 an Anderson und 6 an Bunting, das sind 72,73 Prozent für den Schotten.
Ein Vorbehalt gehört dazu, und er ist erheblich. Das jüngste Duell gewann Bunting: Am 22.07.2025 setzte er sich beim World Matchplay mit 12:10 durch, und das war die größte Bühne, auf der die beiden zuletzt standen. Im Jahresfenster, aus dem die Kennzahlen oben stammen, sind sie einander gar nicht begegnet. Eine 16:6-Bilanz beschreibt daher ein langes Muster und nicht die heutige Rangordnung.
Datum | Turnier | Ergebnis |
|---|---|---|
22.07.2025 | World Matchplay | Bunting 12:10 |
14.11.2024 | Grand Slam of Darts | Anderson 10:6 |
24.10.2024 | European Championship | Anderson 6:3 |
26.11.2021 | Players Championship | Anderson 6:5 |
19.07.2021 | World Matchplay | Anderson 10:5 |
Auffällig an dieser Reihe ist, wo Buntings Erfolg steht. Sein einziger Sieg darin fiel über die längste Distanz, das 12:10 beim World Matchplay. Die beiden Partien, die im Zuschnitt dem heutigen Achtelfinale am nächsten kommen, weil sie auf sechs gewonnene Legs gingen, entschied dagegen Anderson für sich, bei der Europameisterschaft ebenso wie bei den Players Championships.
Stephen Bunting - Gary Anderson Tipp
Mein Tipp für diese Partie ist eine Siegwette auf Gary Anderson und dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Der erste ist, dass Anderson im Jahresfenster der bessere Scorer und der bessere Verwerter war, 98,43 gegen 95,77 im Average, 41,26 gegen 38,97 Prozent beim Checkout, 50,00 gegen 46,50 Prozent bei den Doppeln, die ein Leg beenden. Der zweite ist die Bilanz gegeneinander. 16 Siege sind eine der deutlichsten Reihen, die zwei Spieler dieser Größenordnung untereinander vorweisen können, und sie ist genau in den kurzen Formaten gewachsen. Der dritte ist der Zustand an diesem Wochenende. 105,27 gegen Ratajski war der höchste Average des Samstags im gesamten Feld, Bunting kam beim 6:1 gegen Jonas Masalin auf 97,86, ein solider, aber kein herausragender Wert. Der vierte ist die Runde selbst. Bunting hat 2026 viermal im Achtelfinale eines Turniers dieser Serie gestanden und dreimal verloren, mit 3:6, 2:6 und 1:6. Wer in dieser Runde reihenweise mit einem, zwei oder drei Legs ausscheidet, hat ein Problem mit dem Sonntagmorgen und nicht mit einzelnen Gegnern.
Dazu kommt der Zuschnitt der Partie. Über 11 Legs entscheidet häufig ein einziges Break, und Anderson wirft mit 100,24 besser, wenn der Gegner anwirft, als mit eigenem Anwurf; Bunting kommt in derselben Lage auf 97,26. Anderson bringt zusätzlich die frischeren Arme mit, ein ausdrückliches Ziel für den Rest der Saison und ein Publikum, das ihn beim Einlauf lauter empfangen hat als die einheimischen Spieler.
Was dagegen spricht, ist real und soll nicht kleingeredet werden. Andersons überragender Samstag ist eine einzige Partie nach der langen Pause, und eine einzige Partie ist keine Form. Vor dieser Woche hatte er auf der European Tour in diesem Jahr noch kein Spiel gewonnen, ein Titel auf der Pro Tour fehlt ihm 2026 vollständig, und in der Jahresrangliste steht er als Dreißigster hinter Bunting auf Rang 22. Hinzu kommt, dass Bunting das letzte Duell gewonnen hat. Trotzdem sehe ich gute Chancen für Anderson, da er zuletzt Konstanter war und Stephen Bunting zurzeit sehr inkonstant ist.
Fazit und Spielprognose
Zwei Spielweisen stehen sich hier gegenüber, die beide ihre Berechtigung haben und in diesem Jahr beide nicht geglänzt haben. Bunting spielt alles und gewinnt zu wenig davon, Anderson spielt wenig und gewinnt davon zu selten. Für diesen Sonntag spricht aber fast alles Messbare für den Schotten, der höhere Average ebenso wie die bessere Verwertung, der höchste Wert des Vortags, die Bilanz gegeneinander und die Runde, in der Bunting seit Februar dreimal deutlich verloren hat.
Meine Prognose lautet auf einen Sieg Andersons, und zwar auf ein Ergebnis in der Gegend von 6:3 oder 6:4. Ich erwarte dabei keine Wiederholung des Averages am Samstag, eher eine Partie, in der Anderson früh ein Break setzt und Bunting sie anschließend über die Doppel offen halten muss, was ihm in dieser Saison nicht zuverlässig gelingt. Deswegen gehe ich davon aus, dass Gary Anderson sich in dieser Partie durchsetzen wird.



