Ein Viertelfinale zwischen dem Titelverteidiger und einem Spieler, der noch nie gegen ihn gewonnen hat, sieht nach einer klaren Sache aus. Carlos Alcaraz hat viereinhalb Monate keine Partie bestritten und in vier Runden trotzdem nur einen Satz abgegeben. Ben Shelton steht ebenfalls im Viertelfinale und hat dafür 11:13 Stunden auf dem Platz gebraucht. Wer hier eine Wette sucht, kommt mit der Frage nach dem Sieger allein nicht weit. Interessant wird es bei der Frage, wie lange diese Partie dauert, und darauf antworten die Zahlen beider Spieler deutlicher als ihre bisherige Bilanz.
Alcaraz in starker Form nach seiner Verletzung
Alcaraz kommt mit einem Turnierkalender nach New York, der für einen Spieler seines Ranges ungewöhnlich kurz ist. Er gewann die Australian Open, siegte in Doha, stand in Indian Wells im Halbfinale und in Monte-Carlo im Finale. Danach endete seine Saison im April in Barcelona, wo er seine Partie in der Runde der letzten 16 abbrach. Eine Verletzung am Handgelenk hielt ihn anschließend viereinhalb Monate von jedem Turnier fern. Madrid, Rom, Roland Garros, Wimbledon, das Masters in Kanada und Cincinnati hat er nicht gespielt. Diese US Open sind sein erstes Turnier seit April, und er hat sie ohne jedes Vorbereitungsturnier auf Hartplatz begonnen.
Vom Rückstand ist bislang nichts zu sehen. Alcaraz hat Roman Safiullin, Jaime Faria, Yibing Wu und Tommy Paul geschlagen, drei davon glatt, und dabei einen einzigen Satz abgegeben. Keine seiner vier Partien dauerte länger als 2:40 Stunden. Gegen Paul, die Setzung 20, gewann er 6:4, 6:3, 6:4 und schlug 33 Winner gegen 18 seines Gegners. Auf die Frage nach seiner körperlichen Verfassung antwortete er nach dieser Partie lachend, er halte sich für wieder voll belastbar. Damit steht er bei 18 Siegen in Folge bei Grand Slams, seiner persönlichen Bestmarke, in der zwei Titel stecken: der bei den US Open 2025 und der in Melbourne im Januar, mit dem er als jüngster Spieler den Karriere-Grand-Slam vervollständigte. In dieser Saison steht er bei 26 Siegen und 3 Niederlagen.
Seine Stärke liegt dabei nicht im Aufschlag. Alcaraz nimmt Gegnern das Aufschlagspiel nicht über einzelne große Schläge ab, sondern über die Menge an Rückschlagpunkten, die er sammelt: 34 Prozent gegen den ersten Aufschlag und 54 Prozent gegen den zweiten, auf Hartplatz gerechnet über die Saison 2026 und 253 Rückschlagspiele. Daraus werden 28 Prozent gewonnene Rückschlagspiele, ein Wert, den kaum jemand auf der Tour erreicht. Bei diesem Turnier hat er 22 von 48 Breakbällen genutzt und selbst 18 von 24 abgewehrt.
Sheltons größte Stärke ist sein Aufschlag
Shelton steht in seinem sechsten Viertelfinale bei einem Grand Slam und seinem zweiten bei den US Open. 2023 stand er hier bei seiner zweiten Teilnahme bereits im Halbfinale. Der Weg dorthin war diesmal deutlich mühsamer als der seines Gegners. Gegen Tallon Griekspoor, Hubert Hurkacz und Denis Shapovalov brauchte er jeweils vier Sätze, gegen Hurkacz 3:24 Stunden und gegen Shapovalov 3:22 Stunden. Erst im Achtelfinale gegen Stefanos Tsitsipas ging es glatt, 6:2, 6:3, 6:4 in 1:52 Stunden. Insgesamt hat er 11:13 Stunden gespielt, Alcaraz 9:43 Stunden, ein Unterschied von 1:30 Stunden.
Der Aufschlag ist bei ihm die tragende Waffe, und zwar in einer anderen Größenordnung als bei seinem Gegner. Auf Hartplatz schlug Shelton in der Saison 2026 in 338 Aufschlagspielen 251 Asse, also 0,743 je Aufschlagspiel; Alcaraz kommt im selben Zeitraum auf 0,409. Der Unterschied bedeutet für eine Partie über fünf Sätze, dass Shelton reihenweise Punkte holt, in denen der Ball gar nicht zurückkommt, und dass seine eigenen Aufschlagspiele kurz bleiben können, auch wenn er die langen Ballwechsel verliert. Er gewinnt 91 Prozent dieser Spiele, Alcaraz 90 Prozent, und wehrt 72 Prozent der Breakbälle gegen sich ab, Alcaraz 68 Prozent. Der Linkshänder ist 193 Zentimeter groß, sein Gegner 183.
Genauso deutlich ist seine Schwäche. Im Rückschlag gewinnt Shelton auf Hartplatz nur 18 Prozent der Spiele und 26 Prozent der Punkte, wenn der erste Aufschlag des Gegners im Feld landet. Gegen einen Gegner, der sein eigenes Aufschlagspiel zu 90 Prozent durchbringt, bleiben ihm damit wenige Gelegenheiten, und die muss er beim ersten Versuch nutzen. Beide Werte gelten für die Saison 2026 auf Hartplatz und ohne die laufenden US Open.
Dass er in dieser Saison so weit gekommen ist, liegt an genau dieser Verteilung. Shelton hat 2026 vier Titel geholt: Dallas, München, Stuttgart und das Masters 1000 in Kanada. In Kanada gewann er sechs Partien, ohne einen Satz abzugeben. Seit Wimbledon steht er auf Hartplatz bei 12 Siegen und 2 Niederlagen, und in New York hat er mit Hurkacz, Shapovalov und Tsitsipas drei Spieler in Folge geschlagen, die schon in den Top 10 standen.
Was die beiden Aufschlagbilder sonst noch unterscheidet, zeigt der Rest ihrer Werte auf Hartplatz in dieser Saison:
Wert (Hartplatz 2026) | Shelton | Alcaraz |
|---|---|---|
Doppelfehler | 63 | 37 |
Erste Aufschläge im Feld | 67 % | 69 % |
Punkte nach erstem Aufschlag | 77 % | 75 % |
Punkte nach zweitem Aufschlag | 58 % | 58 % |
Aufschlagpunkte gewonnen | 71 % | 70 % |
Breakchancen im Rückschlag | 156 | 178 |
Breakbälle genutzt | 37 % | 40 % |
Rückschlagpunkte gewonnen | 34 % | 41 % |
Punkte insgesamt gewonnen | 52 % | 54 % |
Ben Shelton vs. Carlos Alcaraz: der direkter Vergleich
Die Bilanz spricht klar für Alcaraz, er hat alle drei Begegnungen gewonnen. Wer nur auf diese Zahl schaut, übersieht allerdings, dass sie aus drei sehr verschiedenen Partien besteht und keine davon dem entspricht, was am Dienstag ansteht.
Jahr | Turnier | Belag | Modus | Ergebnis |
|---|---|---|---|---|
2025 | Roland Garros, Achtelfinale | Sand | bis fünf Sätze | 7:6 (8), 6:3, 4:6, 6:4 für Alcaraz |
2024 | Laver Cup, Gruppenphase | Hartplatz, Halle | bis drei Sätze | 6:4, 6:4 für Alcaraz |
2023 | Masters 1000 Kanada, Runde der letzten 32 | Hartplatz | bis drei Sätze | 6:3, 7:6 (3) für Alcaraz |
Über fünf Sätze haben die beiden genau einmal gespielt, und das war auf Sand. Dort holte Shelton den dritten Satz mit 6:4 und verlor 1:3. Für die Frage nach dem Satzverlauf ist das die einzige der drei Partien, die überhaupt etwas hergibt, denn nur dort hatte Shelton die Zeit, sich in eine Partie hineinzuarbeiten. Die beiden Begegnungen auf Hartplatz gingen über drei Sätze und waren nach 6:3, 7:6 beziehungsweise 6:4, 6:4 vorbei, bevor sich etwas drehen konnte. Eine davon fand beim Laver Cup statt, einem Mannschaftswettbewerb in der Halle, und damit unter Bedingungen, die mit einem Grand Slam im Freien wenig zu tun haben.
Dazu kommt das Alter der Bilanz. Die jüngste Begegnung liegt rund fünfzehn Monate zurück, die beiden Hartplatzpartien stammen aus den Jahren 2023 und 2024 und damit aus einer Zeit, in der Shelton seine höchste Platzierung noch vor sich hatte; Rang 5 erreichte er erst am 10. November 2025. In New York haben sie noch nie gegeneinander gespielt. Was sich über alle drei Partien hinweg gehalten hat, ist Sheltons Problem im Rückschlag: Er nutzte zusammen 2 von 17 Breakbällen. Das ist der Grund, warum er gegen Alcaraz bisher keine Partie gedreht hat, und es ist der Wert, der am Dienstag am wenigsten für ihn spricht.
Ben Shelton vs. Carlos Alcaraz Tipps
Tipp 1: Sieg Ben Shelton +2,5
Meine Empfehlung für diese Partie ist eine Handicap Wette auf Sieg Ben Shelton +2,5 Sätze. Sie gewinnt, sobald er die Partie gewinnt oder in einer Niederlage mindestens einen Satz holt, und sie verliert in genau einem Fall, wenn Alcaraz 3:0 gewinnt. Es geht damit nicht um die Frage, wer weiterkommt, sondern nur darum, ob Shelton einen Satz aus dieser Partie zieht. Genau dort ist die Auszählung deutlich. Alcaraz hat bei Grand Slams auf Hartplatz 7 Partien über fünf Sätze gegen Gegner aus den Top 10 gewonnen, 2 davon glatt. Fünfmal ging mindestens ein Satz an den Gegner, und in dieser Reihe stehen Djokovic, Zverev, Sinner und Tsitsipas.
Shelton bringt als Nummer 9 der Rangliste ein Werkzeug mit, das in dieser Reihe heraussticht. Mit 0,743 Assen je Aufschlagspiel auf Hartplatz hält er seine eigenen Spiele kurz, und ein Satz entscheidet sich häufig an zwei oder drei Punkten in einem einzigen Aufschlagspiel. Der ernsteste Einwand steht dem entgegen: Sheltons drei Niederlagen gegen Gegner aus den Top 10 bei Grand Slams auf Hartplatz gingen alle drei 0:3 aus, also genau so, wie diese Wette verliert. Dagegen steht, dass er inzwischen ein anderer Aufschläger ist als in jenen Partien, denn seine 251 Asse auf Hartplatz sind der höchste Wert, den er in einer Saison erreicht hat, und der Titel in Kanada war sein zweiter auf Masters-Ebene.
Dazu kommt, wie er bei diesem Turnier mit verlorenen Sätzen umgeht. Gegen Griekspoor gab er den ersten Satz mit 1:6 ab und gewann noch 3:1, gegen Hurkacz und Shapovalov holte er je einen Satz im Tiebreak, und in der zweiten Runde lag er nach dem 5:7 im zweiten Satz gleichauf und gewann die beiden folgenden Sätze mit 7:6 und 7:5. Die einzige Begegnung mit Alcaraz über fünf Sätze passt ins Bild, denn in Paris nahm er ihm den dritten Satz mit 6:4 ab. Und das sogar auf dem Sandplatz, was definitiv nicht der beste Belag von Shelton ist. Deswegen denke ich, dass Shelton auch diesmal mindestens einen Satz gewinnen wird.
Tipp 2: Ben Shelton über 9,5 Asse
Bei diesen US Open hat er 12, 6, 14 und 12 Asse geschlagen und die Vorgabe damit in drei von vier Partien übertroffen. Unterschritten hat er sie genau einmal, in der zweiten Runde gegen Hurkacz. In der Summe stehen 44 Asse bei 462 Aufschlagpunkten, ein Anteil von 9,5 Prozent.
Der Grund für diese Ausbeute ist der Modus. Über fünf Sätze bekommt Shelton genug Aufschlagspiele, um seine Zahl zu erreichen: Seine drei Partien über vier Sätze in New York brachten ihm 104, 139 und 147 Aufschlagpunkte, das glatte Achtelfinale nur 72. Wie stark das Format wirkt, zeigt der Rest des Sommers. In zehn Partien über drei Sätze in Washington, Kanada und Cincinnati kam er auf 52 Asse bei 655 Aufschlagpunkten und erreichte dabei nie zehn Asse in einer Partie, der Höchstwert lag bei acht. Der Anteil war mit 7,9 Prozent fast derselbe wie in New York. Es fehlten also nicht die Asse, sondern die Aufschlagspiele. Für zehn Asse braucht Shelton bei diesem Anteil grob 105 bis 125 Aufschlagpunkte, und dieses Volumen liefert eine Partie, sobald sie über drei Sätze hinausgeht.
Im Achtelfinale brauchte er für zwölf Asse nur 72 Aufschlagpunkte, ein Anteil von 16,7 Prozent, und ließ dabei keinen Breakball zu. Der Einwand betrifft den Gegner. In den drei bisherigen Begegnungen kam Shelton auf 6, 4 und 5 Asse und blieb damit jedes Mal deutlich unter zehn, in Paris auf nur sechs bei 129 Aufschlagpunkten, dort allerdings auf Sand, während die beiden Begegnungen auf Hartplatz über drei Sätze gingen und ihm nur 70 und 62 Aufschlagpunkte brachten. Ein Volumen wie in New York hat er gegen Alcaraz auf Hartplatz also noch nie gehabt. Dass es diesmal zustande kommt, liegt auch am Gegner, denn Alcaraz bringt sein eigenes Aufschlagspiel zu 90 Prozent durch und hat bei diesem Turnier 18 von 24 Breakbällen abgewehrt. Je länger sich Sätze über die Aufschlagspiele beider Seiten ziehen, desto mehr Gelegenheiten sammelt Shelton.
Fazit und Prognose zum Spiel
Diese Partie hat zwei Größen, die kaum zusammenpassen. Alcaraz ist der bessere Spieler, Titelverteidiger, seit 18 Partien bei Grand Slams unbesiegt und steht bei jedem seiner Auftritte in New York seit 2021 mindestens im Viertelfinale. Shelton hat gegen ihn dreimal verloren und gewinnt im Rückschlag weniger als ein Fünftel seiner Spiele, er wird die Partie also nicht über Breaks kontrollieren.
Bei den Sätzen liegt die Sache anders. Alcaraz hat gegen Gegner aus den Top 10 bei Grand Slams auf Hartplatz 2 von 7 Partien glatt gewonnen, und dass Shelton gegen diese Spielklasse bislang dreimal 0:3 unterlag, gehört als Gegenbefund dazu. Für ihn spricht der Aufschlag, der in dieser Saison der stärkste seiner Karriere ist, mit 251 Assen in 338 Aufschlagspielen auf Hartplatz. Ein einzelner Satz kann über zwei Punkte im Tiebreak kippen, und zwei solche Sätze hat Shelton bei diesem Turnier schon gewonnen. Dass Alcaraz nach viereinhalb Monaten ohne Turnier bei 26 Siegen in dieser Saison steht, macht eine lange Partie für ihn nicht leichter. Er hat nur vier Spiele absolviert und trifft mit Shelton auf seinen bislang stärksten Gegner.
Die Prognose lautet deshalb 3:1 oder 3:2 für Alcaraz, mit mindestens einem Satz für Shelton, der über ein Tiebreak oder ein einzelnes Break fällt. Auch wenn Alcaraz bei dieser US Open stabil war, traue ich dem Amerikaner hier eine starke Leistung zu.



