Ein Spieler auf Rang 114 der Weltrangliste steht im Halbfinale von Wimbledon: Arthur Fery hat sich mit einer Wildcard bis unter die letzten vier gespielt und trifft nun auf die Nummer drei der Welt mit Alexander Zverev, den frisch gekrönten Sieger der French Open. Ungleicher ist ein Grand-Slam-Halbfinale selten besetzt.

Zverev ist der klare Favorit in diesem Duell. Die eigentliche Frage vor dem Freitag lautet deshalb weniger, ob er gewinnt, als wie deutlich er es tut.

Zverev: French-Open-Sieger mit einem Aufschlag in Bestform

Ein Wert ordnet die Kräfte vor diesem Halbfinale: Gegen einen Spieler außerhalb der Top 100 hat Zverev seit April 2024 nicht mehr verloren. Fery steht als Nummer 114 genau dort.

Der Weg ins Halbfinale ohne echten Widerstand

Fünf Spiele, zwei verlorene Sätze: So sieht Zverevs Bilanz vor dem Halbfinale aus. Den ersten Satz gab er zum Auftakt gegen Alexander Blockx ab, den zweiten im Achtelfinale gegen Jiří Lehečka. Gegen Valentin Royer und Marcos Giron ließ er nichts anbrennen und gewann jeweils in drei Sätzen.

Das deutlichste Zeichen setzte er jedoch im Viertelfinale. Dort schlug er Taylor Fritz 6:4, 6:4, 6:2, und dieser Sieg wiegt schwer: Gegen Fritz hatte Zverev zuvor sieben Partien in Serie verloren, wenige Wochen vorher noch im Halbfinale von Halle auf Rasen. Ausgerechnet diesen Gegner hielt er nun über drei Sätze weitgehend vom eigenen Spiel fern und dominierte ihn Regelrecht.

Der Aufschlag als schärfste Waffe

Der Aufschlag ist Zverevs stärkstes Argument. 78 Asse hat er in fünf Spielen geschlagen, im Schnitt gut 15 pro Partie, in den längeren Matches noch deutlich mehr, gegen Blockx etwa 21. Abseits von Assen hat Zverev mit durchschnittlich 212 km/h den schnellsten ersten Aufschlag im verbleibenden Teilnehmerfeld von Wimbledon. Dazu kommt noch, dass 74% seiner ersten Aufschläge im Feld landen, was es sehr schwer macht ihm den Aufschlag abzunehmen.

Auf dem schnellen Rasen des Centre Court zählt dieser Aufschlag doppelt. Freie Punkte über den ersten Aufschlag halten Zverevs eigene Spiele kurz und nehmen dem Gegner die Gelegenheit, beim Rückschlag überhaupt Druck aufzubauen.

Rückenwind durch den ersten Grand-Slam-Titel

Der zweite Grund liegt im Kopf. Wenige Wochen vor Wimbledon gewann Zverev bei den French Open seinen ersten Grand-Slam-Titel und schlug im Finale Flavio Cobolli über fünf Sätze. Davor hatte er drei Endspiele bei großen Turnieren verloren, gegen Dominic Thiem, Carlos Alcaraz und Jannik Sinner.

Für einen Spieler mit drei verlorenen Grand-Slam-Finals ist damit ein Knoten geplatzt. Zverev ist zudem der erste deutsche Grand-Slam-Sieger im Herreneinzel seit Boris Becker. In Wimbledon kommt hinzu, dass der Rasen lange sein schwächster Belag war: Über Jahre kam er hier nicht über die vierte Runde hinaus, 2025 verlor er sogar schon sein Auftaktspiel. Umso schwerer wiegt, wie souverän er sich diesmal bis in das Halbfinale gespielt hat.

Arthur Ferys Lauf: mit einer Wildcard ins Halbfinale

Arthur Fery ist die Geschichte dieses Turniers. Als Nummer 114 der Welt kam der 23-jährige Brite nur über eine Wildcard ins Hauptfeld und steht nun als erster Wildcard-Spieler seit Goran Ivanišević 2001 im Wimbledon-Halbfinale der Herren. Aufgewachsen ist Fery wenige Minuten vom Turniergelände entfernt, sein Tennis lernte er später am College in Stanford.

Der Weg über Cobolli und Dimitrov

Im Viertelfinale gelang Fery der größte Schlag seiner Laufbahn: ein 6:4, 7:6, 6:0 gegen Flavio Cobolli, einen der zehn besten Spieler der Welt. Der dritte Satz ging glatt an den Briten, der zu diesem Zeitpunkt das ganze Publikum auf dem Centre Court hinter sich hatte.

Schon im Achtelfinale hatte er stark aufgetreten und Grigor Dimitrov über fünf Sätze bezwungen, nach einem 1:2-Rückstand nach Sätzen. Fery drehte die Partie, als bei Dimitrov im vierten Satz das Niveau plötzlich einbrach, und behielt im Entscheidungssatz die Nerven.

Zwei Siege über fünf Sätze und die Frage nach den Kräften

Ferys Weg war deutlich kräftezehrender als der von Zverev. Zwei seiner Siege gingen über die volle Distanz, beide entschied er erst im Tiebreak des Entscheidungssatzes. Gegen Zizou Bergs stand er in der dritten Runde mehr als viereinhalb Stunden auf dem Platz.

Ob ihn diese Matches bis Freitag Kraft kosten, lässt sich vorab nicht einschätzen, und gerade in engen Momenten hat Fery Nerven bewiesen. Deutlicher liegt seine Grenze gegen einen Aufschläger wie Zverev woanders: Am eigenen Aufschlag ist der Brite keine Naturgewalt. Gegen Cobolli schlug er acht Asse, gegen Dimitrov sieben, weit weg von den Werten seines Gegners. Trotzdem hat er den Heimvorteil und die Chance seines Lebens vor sich, weshalb er mit einer enormen Motivation auf den Platz gehen wird.

Arthur Fery - Alexander Zverev Tipps

Wett-Tipps
01
Sieg Zverev -2,5 Sätze 2,10
02
Zverev erzielt über 13,5 Asse 1,53

1. Tipp: Zverev mit Satzhandicap -2,5

Für die Handicap-Wette spricht, wie souverän Zverev durch das Turnier gekommen ist. Zwei verlorene Sätze in fünf Spielen und ein glatter Sieg über den lange unbequemen Fritz zeigen einen Spieler, der seine Partien sauber zu Ende bringt.

Auf Rasen kommt sein Aufschlag dazu. Gegen einen Rückschläger wie Fery, der am eigenen Aufschlag wenig Druck erzeugt, nimmt Zverev die kurzen Punkte über sein Service mit und lässt beim Rückschlag kaum Räume. Über die Distanz sollte der Klassenunterschied eher größer als kleiner werden.

Der ehrliche Einwand: Der Tipp verlangt einen glatten Sieg, und Fery hat unterwegs bewiesen, dass er enge Sätze und Tiebreaks für sich entscheidet, dazu mit dem Publikum im Rücken. Nimmt er einen Satz ab, ist der Tipp weg. Trotzdem sprechen zwei Dinge dafür: Ferys Siege kamen auch gegen nachlassende Gegner zustande, und gegen Zverevs Aufschlag dürfte er kaum die Chancen beim Rückschlag bekommen, um selbst einen Satz zu holen. Daher ist der erste Tipp sieg Zverev mit dem Satzhandicap von -2,5.

2. Tipp: Zverev über 13,5 Asse

Beim Aufschlag liegt Zverevs Turnierschnitt klar über der Grenze von 13,5. Wichtiger ist ein anderer Wert: Selbst in seinem kürzesten Match, dem Sieg in drei Sätzen gegen Fritz, standen am Ende 14 Asse. Die Grenze wird also auch dann erreicht, wenn die Partie schnell vorbei ist.

Auf schnellem Rasen kommt das seinem Spiel entgegen. Gegen einen Gegner, der beim Return selten Zugriff bekommt, gewinnt Zverev viele Punkte direkt über den ersten Aufschlag, und genau daraus entstehen die Asse.

Der Haken liegt in der Verbindung zum ersten Tipp: Ein glatter Sieg bedeutet weniger eigene Aufschlagspiele und damit die Gefahr, dass die Zahl der Asse niedriger ausfällt. Der Sieg gegen Fritz zeigt aber, dass schon drei Sätze für 14 Asse reichen, und zieht Fery die Partie in die Länge, klettert die Zahl ohnehin. Wenn Fery in einem Satz stark aufschlägt, kann es durchaus einen Tiebreak geben, der Zverev mehr Aufschläge und damit mehr Gelegenheiten für Asse verschafft.

Fazit und Prognose zum Halbfinale zwischen Fery und Zverev

Dieses Halbfinale läuft über den Aufschlag. Zverev nimmt früh die freien Punkte über sein Service mit, hält seine eigenen Spiele sicher und wartet beim Rückschlag geduldig auf die kurzen Phasen, in denen Fery nachlässt. Der Brite hat auf seinem Weg Nerven und Kampfgeist gezeigt, und mit dem Centre Court im Rücken kann er einen Satz lange offen halten. Allerdings hat Zverev zuletzt gezeigt, dass er auf Rasen nicht mehr so anfällig ist wie früher, was auch an seinem neuen Sebstvertrauen durch den French Open Titel liegen kann. Er hat bislang erst zwei Sätze abgeben müssen und das gegen bessere Gegner als Fery.

Über die volle Distanz von fünf möglichen Sätzen fehlt Fery gegen einen Spieler dieser Klasse aber das Mittel, um Zverev ernsthaft in Gefahr zu bringen. Ich erwarte, dass Zverev das Tempo vorgibt und die Partie kontrolliert zu Ende spielt. Meine Prognose: Zverev gewinnt in drei Sätzen, ein Ergebnis in der Art von 6:4, 7:6, 6:3 passt zu dem, was Aufschlag, Form und Erfahrung in dieser Partie vorgeben.