Ein Tipp auf Schweiz gegen Algerien klingt nach einer klaren Sache: Gruppensieger gegen Gruppendritten, Favorit gegen Außenseiter. Wer so rechnet, übersieht zwei Dinge. Die Schweiz scheiterte bei den letzten drei Weltmeisterschaften jedes Mal im Achtelfinale, und der Gegner im Sechzehntelfinale von Vancouver hat mit Mohamed Amoura und Riyad Mahrez genug Offensivkraft, um eine wacklige Abwehr zu bestrafen.
Dazu kommt eine Personalie, die dieses Duell besonders macht. Auf der algerischen Bank sitzt Vladimir Petković, sieben Jahre lang Trainer der Schweizer Nationalmannschaft. Er kennt Granit Xhaka und die Schweizer Spielweise so gut wie kaum ein anderer Gegner, und das verschiebt die Frage vor dem Anpfiff: Kommt die Schweiz weiter, und macht ausgerechnet ihr früherer Trainer am Ende den Unterschied?
Lohnt der Tipp auf die Schweiz also wirklich, oder wird schon das Sechzehntelfinale zur Endstation? Das entscheidet sich an den Zahlen der Gruppenphase, an den Kadern beider Teams und an einem Trainerduell mit Vorgeschichte.
Der Weg von Schweiz und Algerien ins Sechzehntelfinale
Wer auf diese Partie tippt, sollte zuerst sehen, wie ungleich die beiden Wege in die Runde der letzten 32 verlaufen sind. Die Schweiz gewann Gruppe B ohne Niederlage, mit sieben Punkten und 7:3 Toren. Algerien kam als Gruppendritter durch, mit vier Punkten und einem negativen Torverhältnis von 5:7. Schon diese Ausgangslage erklärt, warum die Nati als Favorit in das Sechzehntelfinale geht.
Der Schweizer Auftakt gegen Katar endete 1:1, dann folgten ein 4:1 gegen Bosnien-Herzegowina und zum Abschluss ein 2:1 gegen Gastgeber Kanada. Drei Spiele, keine Niederlage, Platz eins. In der Offensive hatte die Schweiz spürbar mehr Durchschlagskraft als der Gegner, auf den sie jetzt trifft.
Algerien hatte es deutlich schwerer. Das 0:3 gegen Titelverteidiger Argentinien zum Auftakt brachte die Mannschaft von Vladimir Petković früh unter Druck, das 2:1 gegen Jordanien hielt sie jedoch im Rennen, und am letzten Spieltag reichte ein wildes 3:3 gegen Österreich gerade so weiter. Sicher war dieses Weiterkommen lange nicht: Vor dem letzten Gruppenspieltag lag die Wahrscheinlichkeit, dass die Schweiz ausgerechnet auf Algerien trifft, bei rund acht Prozent, und der mögliche Gegner wechselte während des Österreich-Spiels mehrfach. Erst tief in der Nachspielzeit stand fest, dass Algerien als Gruppendritter dabei ist. Als Lohn für Platz drei wartet nun der Gruppensieger, was die Aufgabe nicht kleiner macht. Souverän sieht anders aus.
Die Schweiz im Turnier: souveräner Gruppensieger
Die Schweiz von Trainer Murat Yakin ist in dieses Turnier gegangen, ohne groß zu glänzen, und steht trotzdem verdient oben. Sieben Punkte, kein verlorenes Spiel und 7:3 Tore stehen zu Buche. Auffällig ist die Mischung der Ergebnisse: einmal souverän, einmal effizient, einmal nur unentschieden. Genau diese Bandbreite muss man kennen, um die Nati vor dem Sechzehntelfinale richtig einzuschätzen.
Das 4:1 gegen Bosnien-Herzegowina war die klarste Ansage der Gruppenphase. Vier Tore in einem WM-Spiel gelingen der Schweiz nicht oft, und die Art, wie sie Bosnien auseinandernahm, zeigte die offensive Qualität im Kader. Gegen Kanada lief es ganz anders: Beim 2:1 gegen den Gastgeber gewann die Schweiz ein enges Spiel, ohne über weite Strecken zu dominieren. Sie verwaltete das Ergebnis und brachte den knappen Vorsprung über die Zeit. Dieses Spiel fand bereits in Vancouver statt, im selben Stadion, in dem jetzt auch das Sechzehntelfinale steigt. Ein kleiner, aber realer Vorteil, denn die Mannschaft kennt Anreise, Platz und Rasen schon.
Der Kern um Xhaka, Akanji und Kobel
Granit Xhaka gibt im Mittelfeld den Takt vor, Manuel Akanji organisiert die Abwehr, im Tor steht Gregor Kobel. Um diese Achse herum ist die Schweiz das, was sie seit Jahren auszeichnet: eine eingespielte, erfahrene Mannschaft, die selten auseinanderfällt und auch aus einem schwachen Spiel ein Ergebnis holt. In der WM-Qualifikation gewann sie ihre Gruppe mit vier Siegen und zwei Remis, bester Torschütze war Breel Embolo mit vier Treffern. Embolo verwandelte im Turnier auch den Elfmeter zum 1:1 gegen Katar. Die Offensive hängt damit nicht an einem einzigen Namen, doch Embolo ist der Spieler, der die wichtigen Tore erzielt.
Das Achtelfinale als wiederkehrende Endstation
Die 13. WM-Teilnahme ist für die Schweiz Routine, der nächste Schritt danach ein altes Problem. Bei den vergangenen drei Weltmeisterschaften 2014, 2018 und 2022 war jeweils im Achtelfinale Schluss, zuletzt beim deutlichen 1:6 gegen Portugal. Das letzte WM-Viertelfinale liegt noch weiter zurück, im eigenen Land 1954. Wer auf ein Weiterkommen der Nati tippt, tippt also gegen eine hartnäckige Serie.
Für den Spieltipp zählt noch ein zweiter Punkt. Die Schweiz kassierte in jedem der drei Gruppenspiele mindestens ein Gegentor, gegen Katar, gegen Bosnien und gegen Kanada. Vorne ist die Nati stark, hinten steht sie nicht völlig sicher, und das ist die eine Lücke, die ein Gegner wie Algerien nutzen kann.
Algerien: viel Offensive, anfällige Defensive
Algerien ist gefährlicher, als es der dritte Gruppenplatz vermuten lässt, und zugleich verwundbarer, als es ein Gegner in der K.-o.-Runde sein dürfte. Die Mannschaft bringt Offensivspieler mit, die in den besten Ligen Europas zu Hause sind, ließ in drei Gruppenspielen aber sieben Gegentore zu. Wer dieses Team einschätzen will, muss beide Seiten sehen: den Zug nach vorne und die offene Deckung dahinter.
Es ist die fünfte WM-Teilnahme Algeriens, die erste seit 2014. Damals reichte es zum Achtelfinale, wo erst der spätere Weltmeister Deutschland in der Verlängerung Schluss machte, und das ist bis heute das beste Ergebnis des Landes bei einer WM. Der Turnierverlauf 2026 passt zum Ruf: Das 0:3 gegen Argentinien war ein Fehlstart, das 2:1 gegen Jordanien die Pflichtaufgabe, und das 3:3 gegen Österreich am letzten Spieltag das Sinnbild dieser Mannschaft, viel Tempo nach vorne und wenig Sicherheit nach hinten. In der FIFA-Weltrangliste steht Algerien auf Platz 29, klar hinter der Schweiz, aber nicht so weit, dass ein Selbstläufer daraus würde.
Die Offensive um Mahrez, Amoura und Gouiri
Riyad Mahrez führt die Mannschaft als Kapitän an und bringt über 100 Länderspiele mit, seinen Klubfußball spielt er inzwischen bei Al Ahli in Saudi-Arabien. Der gefährlichste Angreifer ist derzeit aber ein anderer: Mohamed Amoura vom VfL Wolfsburg war mit zehn Treffern bester Torschütze der afrikanischen WM-Qualifikation. Dazu kommen Amine Gouiri von Olympique Marseille sowie Profis aus europäischen Topligen wie Ramy Bensebaini von Borussia Dortmund und Farès Chaïbi von Eintracht Frankfurt. In der Qualifikation gewann Algerien acht seiner zehn Spiele, angetrieben von genau dieser Offensive. Fünf Tore in drei Gruppenspielen sind ordentlich, ohne Treffer blieb Algerien nur gegen die kompakte Abwehr Argentiniens. Ein Gegentor ist gegen dieses Personal für jede Abwehr jederzeit möglich, auch für die Schweizer.
Die Schwachstelle ist offensichtlich, und sie ist das Gegenstück zur starken Offensive. Sieben Gegentore in drei Gruppenspielen sind für ein Team, das wieder ins Achtelfinale will, eine Menge: drei gegen Argentinien, eines gegen Jordanien, drei gegen Österreich. Vor allem das 3:3 gegen Österreich, in dem Algerien eine Führung nicht über die Zeit brachte, zeigt das Grundproblem.
Gegen eine Schweizer Offensive, die schon vier Tore in einem Spiel erzielt hat, ist diese Abwehr das größte Risiko der Algerier. Petković wird versuchen, sie zu stabilisieren, doch das Personal für eine sichere Deckung fehlte in der Gruppenphase erkennbar.
Unser Tipp zum Spiel Schweiz gegen Algerien
1. Tipp: Schweiz kommt weiter
Die Gründe für ein Weiterkommen der Schweiz liegen offen. Gruppensieger mit sieben Punkten und einem Torverhältnis von plus vier gegen einen Gruppendritten mit vier Punkten und minus zwei, dazu die eingespielte Achse um Xhaka, Akanji und Embolo. Über die volle Distanz ist die Schweiz in fast jedem Bereich etwas stabiler besetzt. Wichtig ist die Unterscheidung: Der Tipp lautet Weiterkommen, nicht Sieg nach 90 Minuten. In einem K.-o.-Spiel zählt, wer am Ende eine Runde weiter ist, auch nach Verlängerung oder Elfmeterschießen.
Dazu kommt der vertraute Ort. Das Gruppenfinale gegen Kanada bestritt die Schweiz bereits in Vancouver, im selben Stadion, in dem jetzt auch das Sechzehntelfinale steigt. In einem engen Spiel ist das ein kleiner, aber realer Vorteil.
Der ehrliche Einwand bleibt: In K.-o.-Spielen tut sich die Schweiz zuletzt schwer, bei den vergangenen drei Weltmeisterschaften war jeweils im Achtelfinale Schluss. Dazu hat Algerien mit Amoura, Mahrez und Gouiri genug individuelle Klasse, um an einem guten Tag jede Abwehr zu überfordern, und mit Petković einen Trainer, der die Schweizer Schwächen aus sieben Jahren kennt.
Zwei Dinge sprechen trotzdem für die Schweiz. Algerien ist defensiv anfällig, sieben Gegentore in drei Gruppenspielen sind eine Menge, und gegen diese Abwehr kommt die Schweiz zu ihren Chancen. Und je länger die Partie dauert, desto mehr zählen die größere Erfahrung und die ruhigere Struktur der Nati, gerade wenn es in die Verlängerung geht. Daher ist der erste Tipp das Weiterkommen der Schweiz.
2. Tipp: Beide Teams treffen
Der zweite Tipp lebt von zwei Beobachtungen. Die Schweiz hat in allen drei Gruppenspielen getroffen, aber auch in allen drei ein Gegentor kassiert, gegen Katar, gegen Bosnien und gegen Kanada. Algerien wiederum traf in zwei von drei Spielen und kam auf fünf Tore, ohne eigenen Treffer blieb die Mannschaft nur gegen die kompakte Abwehr Argentiniens.
Algeriens Weg zum Tor führt über individuelle Klasse und schnelles Umschalten. Mit Amoura, dem besten Torschützen der afrikanischen Qualifikation, und Mahrez hat Petković Spieler, die auch aus einer Drucksituation heraus eine Chance erzwingen. Und weil die algerische Abwehr in jedem Spiel Lücken zeigte, wird die Mannschaft kaum 90 Minuten lang nur verteidigen können.
Dass die Schweiz trifft, ist der wahrscheinlichere Teil, sie hat in jedem Gruppenspiel getroffen und läuft gegen eine anfällige Abwehr auf. Der Haken liegt bei Algerien: Bekommt die Schweiz das Spiel früh in den Griff und lässt kaum Konter zu, könnten die algerischen Gelegenheiten ausbleiben. Dagegen steht ein einfacher Gedanke: Die Schweiz kassierte in jedem Gruppenspiel ein Gegentor, und mit Amoura hat Algerien einen Angreifer, der schon aus wenigen Chancen trifft. Deshalb ist der zweite Tipp auch eine Wette auf beide Teams treffen.
Prognose zum Sechzehntelfinale Schweiz gegen Algerien
So könnte das Spiel laufen. Die Schweiz übernimmt früh die Kontrolle, hält den Ball und drängt Algerien in die eigene Hälfte. Ganz zurückziehen wird sich Algerien nicht, dafür hat die Mannschaft zu viel Offensivqualität, doch gefährlich wird sie vor allem über Konter und einzelne Aktionen von Mahrez und Amoura. Diese Nadelstiche sind es, die der Schweizer Abwehr wehtun können, die schließlich in jedem Gruppenspiel ein Gegentor zuließ. Findet die Schweiz früh das erste Tor, dürfte sie die Partie ruhig verwalten. Läuft sie dagegen einem Rückstand hinterher, entsteht das offene Spiel, das Algerien braucht.
Über die vollen 90 Minuten spricht mehr für die ausgeglichenere Mannschaft. Die Schweiz hat die klarere Struktur, die erfahreneren Führungsspieler und den ruhigeren Weg nach vorne. Algerien braucht einen starken Tag seiner Offensive und einen schwachen der Schweizer Abwehr, damit es für eine Überraschung reicht.
Wahrscheinlich wird es kein Torfestival, aber auch kein Spiel, das ohne algerischen Treffer endet. Ein Ergebnis wie 2:1 für die Schweiz passt zum Bild: vorne effizient, hinten einmal überwunden, am Ende eine Runde weiter. Trifft Algerien früh, ist ein enges Spiel bis in die Verlängerung denkbar, doch der wahrscheinlichste Ausgang bleibt ein knapper Schweizer Sieg in der regulären Spielzeit.



