Karen Khachanov war 2019 die Nummer 8 der Welt, hat sieben Turniere gewonnen und steht heute auf Platz 50. Learner Tien ist 20 Jahre alt, seit 2023 Profi und an Position 14 gesetzt. Nach dieser Aufstellung wäre die Sache eindeutig. Nur hat Khachanov in New York bisher die stabilere Woche gespielt und dabei den an Position drei gesetzten Felix Auger-Aliassime aus dem Turnier geworfen. Der Widerspruch zwischen Saison und Turnier ist die eigentliche Aufgabe bei dieser Partie, und er löst sich nicht über die Weltrangliste, sondern über Aufschlag, Rückschlag und Belastung.

Khachanovs bestes Turnier in einer verlorenen Saison

Ende Juli verlor Khachanov in Los Cabos gegen Bernard Tomic, die Nummer 171 der Weltrangliste, mit 2:6 und 4:6. In Montreal war in der zweiten Runde gegen Terence Atmane Schluss, in Cincinnati sofort gegen Aleksandar Kovacevic, den 96. der Weltrangliste. So sah der Anlauf auf New York aus, und er passt zur Saison. Sie steht bei 16 Siegen und 18 Niederlagen, ohne Titel, ohne Endspiel, mit den Viertelfinals in Doha und Rom als weitesten Runden. Auf Hartplatz stand Khachanov vor dem US Open bei sechs Siegen und neun Niederlagen, in der Weltrangliste im April noch auf Platz 14 und jetzt auf Platz 50.

In New York steht dagegen sein bestes Turnier des Jahres. Drei Siege bei einem Turnier auf Hartplatz sind ihm in dieser Saison vorher nicht gelungen, bei den Australian Open und in Doha kam er auf je zwei. Gegen Roman Andres Burruchaga gewann er 6:3, 6:0, 6:1, ohne einen einzigen Breakball abwehren zu müssen. Gegen Auger-Aliassime verlor er den ersten Satz im Tiebreak und gab danach in drei Sätzen nur sieben Games ab, 6:7(5), 6:3, 6:2, 6:2. Gegen Benjamin Bonzi folgte ein 6:3, 6:2, 6:4. Das sind zehn Sätze, ein abgegebener Satz und 28 Asse bei elf Doppelfehlern.

Getragen hat das vor allem der Aufschlag. In drei Runden musste Khachanov nur 13 Breakbälle abwehren, davon neun in der einzigen wirklich engen Partie gegen Auger-Aliassime, und dort rettete er sieben. Auf Hartplatz gewinnt er in dieser Saison 87 Prozent seiner Aufschlagspiele und wehrt 70 Prozent der Breakbälle ab. Sein Problem liegt auf der anderen Seite des Netzes. Er gewinnt nur 16 Prozent seiner Returnspiele, nutzt 37 Prozent seiner Breakbälle und holt gegen erste Aufschläge lediglich 24 Prozent der Punkte. Dazu schwankt sein zweiter Aufschlag stark; gegen Bonzi brachte er dort nur 33 Prozent der Punkte ein, elf von 33.

Tien als eines der größten Talente auf Hartplatz

Im Januar schlug Tien bei den Australian Open Daniil Medvedev 6:4, 6:0, 6:3 und zog ins Viertelfinale ein, wo er erst nach vier Sätzen gegen Alexander Zverev ausschied. Danach kamen ein Viertelfinale in Indian Wells mit einem Sieg über Ben Shelton (7:6(3), 4:6, 6:3), ein Halbfinale in Delray Beach mit einem Erfolg gegen Frances Tiafoe (7:6(5), 3:6, 7:5) und ein Halbfinale in Montreal, auf dem Weg dorthin ein 6:3, 6:2 gegen Tommy Paul. Die Saison steht bei 26 Siegen und 15 Niederlagen, auf Hartplatz vor New York bei 15 Siegen und neun Niederlagen. Sein Titel in diesem Jahr steht allerdings auf Sand, in Genf gegen Mariano Navone.

In New York hat er zwei Runden souverän und eine über die Grenze gespielt. Nuno Borges schlug er 6:4, 6:1, 6:2, Gael Monfils 6:3, 6:4, 6:3, und gegen den an 17 gesetzten Mensik brauchte er fünf Sätze, 6:3, 1:6, 6:7(2), 6:3, 6:4, drei Stunden und 24 Minuten, Ende gegen 1:30 Uhr in der Nacht zum Sonntag. Diese Partie gewann er mit weniger Punkten als sein Gegner, 150 zu 156, und gegen die 23 Asse von Mensik holte er gegen dessen ersten Aufschlag nur 20 Prozent der Punkte. Wer daraus liest, dass Tien einen großen Aufschlag kaum zurückbringt, hat recht; wer daraus schließt, dass er solche Partien verliert, übersieht, dass er diese gewonnen hat.

Denn Tien ist ein überragender Returnspieler. Auf Hartplatz nimmt er dem Gegner in dieser Saison 22 Prozent der Aufschlagspiele ab, nutzt 44 Prozent seiner Breakbälle und gewinnt 30 Prozent der Punkte gegen erste Aufschläge, in allen drei Werten liegt er über Khachanov. Sein eigener Aufschlag ist dagegen eine kleine Schwachstelle, mit 80 Prozent gewonnenen Aufschlagspielen auf Hartplatz, nur 59 Prozent abgewehrten Breakbällen und 104 Doppelfehlern auf diesem Belag, 175 in der ganzen Saison. Gegen Mensik musste er 14 Breakbälle abwehren und schlug acht Doppelfehler. Trotzdem ist Tien als Linkshänder sehr schwer zu bespielen, da er sehr kluge Winkel schlägt und dabei noch eine gute Kraft mitbringt.

Karen Khachanov - Learner Tien Tipps

Wett-Tipps Karen Khachanov - Learner Tien
US Open
01
Sieg Learner Tien 1,51
02
Über 35,5 Games 1,51

Tipp 1: Sieg Learner Tien

Der Sieg von Learner Tien ist der erste Tipp, und getragen wird er von der Saison auf diesem Belag. Tien steht dort bei 15:9 vor New York, Khachanov bei 6:9. Tien hat in diesem Jahr auf Hartplatz Medvedev, Shelton, Paul, Tiafoe und Davidovich Fokina geschlagen, dazu ein Viertelfinale bei einem Grand Slam und zwei Halbfinals bei Turnieren der Tour erreicht. Khachanov hat auf Hartplatz in derselben Saison gegen die Nummer 171 und die Nummer 96 der Weltrangliste verloren. Das ist keine Momentaufnahme, sondern der Unterschied zwischen einem Spieler, der auf diesem Belag gerade nach oben geht, und einem, dessen Platzierung im Laufe des Jahres von 14 auf 50 gefallen ist.

Nebeneinandergestellt sieht der Rückschlag beider Spieler so aus: 22 gegen 16 Prozent gewonnene Returnspiele, 44 gegen 37 Prozent genutzte Breakbälle, 30 gegen 24 Prozent gewonnene Punkte gegen erste Aufschläge. Um dieses Achtelfinale zu gewinnen, braucht Khachanov Breaks gegen einen Spieler, der auf Hartplatz 73 Prozent der Punkte nach dem eigenen ersten Aufschlag gewinnt. Gegen Auger-Alliasime funktionierte das, weil der Kanadier zu viele Fehler gemacht hatte, vor allem auf der Rückhandseite. Gegen den Linkshänder Tien wird das jedoch viel schwieriger, weshalb Khachanov in den längeren Rallys einen Nachteil hat.

Der Vorbehalt ist Khachanovs Aufschlag, und er ist ernst zu nehmen. Er hat in diesem Turnier kaum Breakbälle zugelassen, und gegen einen großen ersten Aufschlag holt Tien wenig, wie die Partie gegen Mensik zeigt. Gegen genau diesen Mensik hat Tien aber gewonnen, obwohl der hinter seinem ersten Aufschlag kaum zu greifen war, weil er die zweiten Aufschläge angreift und sich seine 14 abgewehrten Breakbälle selbst erarbeitet hat. Über fünf Sätze verteilt bekommt der bessere Rückschläger mehr Gelegenheiten als über drei, und die volle Distanz ist in diesem Jahr Tiens Terrain. Er hat 2026 dreimal fünf Sätze gespielt und alle drei Partien gewonnen, gegen Giron in Melbourne, gegen Diaz Acosta in Paris und gegen Mensik in New York. Khachanov stand dreimal in derselben Lage und gewann nur gegen Michelsen; gegen Jesper de Jong und Flavio Cobolli verlor er.

Tipp 2: Über 35,5 Games

Der zweite Tipp verlangt mindestens 36 Games in der Partie. Der Weg dorthin ist rechnerisch eindeutig. In den 25 Partien, die beide Spieler 2026 im Modus Best of five gespielt haben, fielen 9,59 Games je Satz. Bei diesem Wert liegt eine Partie über drei Sätze bei etwa 29 Games, eine über vier bei etwa 38 und eine über fünf bei etwa 48. Die Vorgabe ist damit vor allem eine Wette darauf, dass dieses Achtelfinale mindestens vier Sätze dauert. Von den 25 Partien lagen 13 über 35,5 Games, das sind 52 Prozent, und 15 gingen über mindestens vier Sätze.

Dass die Sätze lang werden, legen die Aufschlagwerte beider Spieler nahe. Sie bringen auf Hartplatz jeweils rund vier von fünf eigenen Aufschlagspielen durch und nehmen dem Gegner nur etwa jedes fünfte ab. Je seltener Breaks fallen, desto später werden Sätze entschieden, über 6:4, 7:5 und Tiebreak statt über 6:2. Genau so sah es aus, als beide zuletzt auf einen Gegner ihrer Klasse trafen, Khachanov gegen Auger-Aliassime mit 38 Games in vier Sätzen und Tien gegen Mensik mit 48 Games in fünf.

Gegen den Tipp spricht das laufende Turnier. Nur zwei der sechs Partien beider Spieler lagen dort über der Vorgabe, und ein klarer Sieg in drei Sätzen reicht nicht, denn die längste Partie über drei Sätze, die einer der beiden in dieser Saison bei einem Grand Slam gespielt hat, brachte 31 Games. Khachanovs Siege gegen Burruchaga und Bonzi kamen mit 22 und 27 Games ins Ziel, Tiens Siege gegen Borges und Monfils mit 25 und 28. Diese vier Partien haben aber eines gemeinsam. Sie gingen gegen ungesetzte Gegner, von denen keiner in der Weltrangliste in der Nähe der beiden steht. Sobald ein Gegner auf Augenhöhe stand, brauchten beide vier oder fünf Sätze. Dass hier zwei Spieler ohne gemeinsame Vorgeschichte mit gegensätzlichen Stärken aufeinandertreffen, macht einen schnellen Durchmarsch in eine Richtung nicht wahrscheinlicher.

Fazit und Prognose

Tien hat auf Hartplatz das bessere Jahr gespielt, Khachanov die bessere Woche in New York. Aufgelöst wird das über die Returnspiele. Khachanov gewinnt seine Partien, wenn er seinen Aufschlag durchbringt und irgendwann ein Break erwischt; das hat er gegen Auger-Aliassime geschafft. Tien gewinnt sie, indem er häufiger als sein Gegner beim Rückschlag Druck macht, und diese Fähigkeit trägt über fünf Sätze weiter als ein punktuelles Break. Deswegen denke ich auch, dass Tien sich hier am Ende durchsetzen wird, da er der komplettere Spieler ist und zurzeit deutlich mehr Selbstvertrauen hat. Trotzdem traue ich es Khachanov zu, mindestens einen Satz zu gewinnen, vor allem wenn er seinen Aufschlag stabil halten kann.