Zum ersten Mal steht Alexander Zverev in einem Wimbledon-Finale, als erster deutscher Endspielteilnehmer seit Boris Becker 1995. Am Sonntag trifft er auf Jannik Sinner, den Weltranglistenersten und Titelverteidiger, der ihm zuletzt kaum eine Chance gelassen hat.

Die Frage vor dem Endspiel ist damit weniger, ob Sinner Favorit ist. Das ist er klar. Interessanter ist, ob Zverev nach seinem ersten großen Titel in Paris genug mitbringt, um dem Titelverteidiger auf dem Rasen wirklich gefährlich zu werden.

Wie dominant ist Titelverteidiger Sinner zurzeit wirklich?

Sinner hat auf dem gesamten Weg ins Finale nur zwei Sätze abgegeben, beide im ersten Match. Danach stand kein Gegner mehr auf, der ihn ernsthaft in Bedrängnis brachte, zuletzt nicht einmal Novak Djokovic.

Der Auftakt gegen Miomir Kecmanović war der einzigste Wackler von Sinner bei diesem Wimbledon Turnier: 4:6, 6:3, 6:7, 6:2, 6:3, fünf Sätze, zwei davon verloren. Es blieben die einzigen beiden Satzverluste des ganzen Turniers. Danach zog Sinner sein Programm durch, Satz für Satz. Im Viertelfinale gab er Jan-Lennard Struff beim 7:5, 7:6, 6:3 keinen Satz ab, und auch die Runden davor endeten allesamt nach drei Sätzen.

Der Aufschlag, der Djokovic ratlos ließ

Das Halbfinale gegen Novak Djokovic war die eindrucksvollste Vorstellung: 6:4, 6:4, 6:4, kein Satzverlust gegen den siebenmaligen Champion. 16 Asse, kein einziger Doppelfehler, 88 Prozent der Punkte hinter dem ersten Aufschlag gewonnen. Für Sinner war es zugleich die Revanche für das Aus im Halbfinale der Australian Open zu Jahresbeginn.

Den einzigen Breakball des Matches wehrte er ab, und Djokovic erspielte sich diese eine Gelegenheit erst nach fast zwei Stunden. Wer Sinner brechen will, braucht also Geduld und beinahe fehlerfreie Rückschläge.

Wo Sinner angreifbar bleibt

Eine Schwachstelle hat Sinner vor dem Finale selbst benannt. Auf dem schnellen Rasen und bei der Wärme rechnet er mit weniger Ballwechseln und weniger Rhythmus, und das, sagt er, komme einem großen Aufschläger entgegen. Wen er damit meint, ließ er offen und doch klar: Zverev.

Auf Rasen hält fast jeder Topspieler sein Aufschlagspiel, Breaks sind selten, und ganze Sätze entscheiden sich häufig erst im Tiebreak. Genau dort liegt Zverevs einzige Chance: in einzelnen, knapp entschiedenen Sätzen. Von der Grundlinie ist Sinner überlegen, dort ist für Zverev wenig zu holen.

Zverevs Weg ins Finale und seine gefährlichste Waffe

Zverev hat bis zum Finale ebenfalls nur zwei Sätze verloren, und er kommt mit einem Selbstvertrauen, das ihm jahrelang gefehlt hat.

Ein glatter Weg über Fritz und Fery

Nach dem Auftakt gegen Alexander Blockx (6:4, 6:7, 7:6, 7:6) folgten Siege über Valentin Royer und Marcos Giron, dann ein Erfolg in vier Sätzen gegen den an 13 gesetzten Jiří Lehečka. Einer der beiden verlorenen Sätze fiel im Tiebreak.

Im Viertelfinale fertigte Zverev den an Position sechs gesetzten Taylor Fritz mit 6:4, 6:4, 6:2 ab, im Halbfinale ließ er dem Briten Arthur Fery beim 7:6, 6:2, 6:4 keine Chance. Fery war als Wildcard-Spieler bis unter die letzten Vier gestürmt. Bemerkenswert daran: Zverev war in Wimbledon zuvor nie über die vierte Runde hinausgekommen.

Der Aufschlag als beste Waffe

Zverevs gefährlichste Waffe ist sein Aufschlag. Mit 1,98 Metern Körpergröße bringt er einen der wuchtigsten ersten Aufschläge der Tour, und der passt auf den schnellen, flach abspringenden Rasen besser als auf jeden anderen Belag.

Die Zahlen dieser Saison stützen das: Auf Rasen steht Zverev 2026 bei neun Siegen und nur einer Niederlage. Sein Spiel lebt vom ersten Schlag, vom Aufschlag und der folgenden Vorhand, und genau dieses Muster funktioniert in London bisher. Bemerkenswert ist dabei auch, wie häufig der erste Aufschlag bei ihm im Feld landet. Alleine im Halbfinale gegen Arthur Fery landeten 75% seiner erste Aufschläge im Feld. Sinner zum Vergleich hatte bei Wimbledon in diesem Jahr nur ein Spiel, wo er 70% seiner ersten Aufschläge ins Feld gebracht hat.

Der French-Open-Titel Anfang Juni war Zverevs erster Grand-Slam-Sieg, nach drei verlorenen Endspielen und Jahren knapper Enttäuschungen. Im Finale von Roland Garros setzte er sich über fünf Sätze gegen Flavio Cobolli durch. Seitdem tritt er merklich freier auf. Er selbst sagt, einmal einen großen Titel gewonnen zu haben gebe ihm das Gefühl, es wieder zu können, und sein Spiel habe sich verbessert. In Wimbledon hat er inzwischen elf Grand-Slam-Matches in Folge gewonnen.

Wie steht die Bilanz zwischen Zverev und Sinner?

Die Zahlen sind für Zverev ernüchternd: Sinner führt den direkten Vergleich mit 10:4 und hat die vergangenen neun Duelle allesamt gewonnen. Insgesamt trafen beide 14-mal aufeinander, Sinner gewann zehn dieser Partien, nach Sätzen steht es 25:13. Einseitig war das nicht immer: Zwischen 2020 und 2023 entschied Zverev vier der ersten Begegnungen für sich.

Seit August 2024 hat Sinner jedes Match gewonnen, neun in Serie. Zverevs bislang letzter Sieg gegen ihn liegt in der vierten Runde der US Open 2023, damals über fünf Sätze. Zuletzt wurde die Sache noch klarer. In den vergangenen sechs Duellen holte Zverev keinen einzigen Satz, 14 Sätze in Folge gingen an Sinner. Seinen letzten Satz gegen ihn gewann Zverev Ende Oktober 2025 in Wien.

Allein 2026 standen sich beide viermal gegenüber, in Indian Wells, Miami, Monte Carlo und Anfang Mai im Endspiel von Madrid. Dort gewann Sinner glatt mit 6:1, 6:2.

Der eine Belag, auf dem sie noch nie gespielt haben

Ein Detail hebt dieses Finale von allen 14 Duellen zuvor ab: Gespielt wurde nie auf Rasen. Sämtliche Begegnungen fanden auf Hartplatz, Sand oder in der Halle statt.

Rasen ist der Belag, auf dem Zverevs Aufschlag am schwersten wiegt und auf dem Sinners Rückschlag weniger Zeit bekommt. Ob das genügt, um neun Niederlagen in Folge zu beenden, ist offen. Es ist aber der erste Umstand seit langem, der überhaupt für Zverev spricht. Dazu kommt das neu gewonnene Selbstvertrauen aus dem Sieg bei den French Open.

Zverev - Sinner Tipps

Wett-Tipps Zverev - Sinner
Wimbledon
01
Sieg Zverev +2,5 Sätze 1,53
02
Zverev über 1,5 Breaks 1,99

1. Tipp: Zverev mit Satzhandicap +2,5

Für ein enges Match spricht vor allem der Belag. Zverevs Aufschlag ist seine schärfste Waffe, und auf dem schnellen, flach abspringenden Rasen wiegt er schwerer als auf jedem anderen Untergrund. Dazu kommt ein Punkt, den die Bilanz verdeckt: Ausgerechnet auf Rasen treffen die beiden zum ersten Mal aufeinander. Über die Distanz eines Grand-Slam-Finals, bis zu fünf Sätze, bekommt Zverev deutlich mehr Gelegenheiten, seinen Aufschlag durchzubringen und einen Satz mitzunehmen als bei der klaren Niederlage in nur zwei Sätzen in Madrid. Sinner selbst hat vor dem Finale gesagt, auf dem warmen Rasen werde es weniger Ballwechsel geben, was einem großen Aufschläger helfe, und damit meinte er Zverev.

Der ehrliche Einwand bleibt: Sinner hat die jüngsten Duelle allesamt gewonnen und Zverev dabei keinen Satz mehr überlassen, dazu ist er derzeit extrem schwer zu brechen. Genau der glatte Dreisatzsieg, der diesen Tipp kippen würde, ist zuletzt mehrfach passiert.

Zwei Dinge sprechen trotzdem für Zverev. Diese Duelle liefen nie auf Rasen und meist über nur zwei Gewinnsätze, also über eine viel kürzere Strecke. Und auf dem Belag, der seinem Aufschlag am meisten hilft, ist über die volle Distanz eines Endspiels ein einziger Satzgewinn deutlich wahrscheinlicher, als die Serie vermuten lässt. Daher ist der erste Tipp für diese Partie eine Handicap-Wette auf Sieg Zverev +2,5 Sätze.

2. Tipp: Zverev über 1,5 Breaks

Der zweite Tipp ist der mutigere und verlangt, dass Zverev Sinners Aufschlag über die Partie mindestens zweimal durchbricht. Dafür spricht die Länge des Matches: Über bis zu fünf Sätze summieren sich Sinners Aufschlagspiele, und je öfter er aufschlagen muss, desto eher fällt einer dieser Momente an Zverev. Hinzu kommt Zverevs eigener Aufschlag, der ihn auf Rasen oft leicht durch die eigenen Spiele bringt, was den Druck auf seine Gegner erhöht.

Dass Sinner schwer zu breaken ist, ist der eigentliche Haken. Gegen Djokovic war sein Aufschlag im Halbfinale kaum anzugreifen, und wenn er glatt in drei Sätzen gewinnt, wird Zverev die nötigen zwei Breaks kaum schaffen.

Dagegen steht ein einfacher Gedanke: Über ein Match, das bis zu fünf Sätze dauern kann, hält auch Sinner nicht jedes Aufschlagspiel makellos. Zwei Breaks über die ganze Distanz sind eine Hürde, aber keine, die außer Reichweite liegt, wenn Zverev auf seinem stärksten Belag beim Rückschlag Druck macht. Daher ist der zweite Tipp Zverev über 1,5 Breaks.

Fazit und Prognose zu Zverev gegen Sinner

Vieles spricht für Sinner: seine Bilanz gegen Zverev, die Konstanz durch das gesamte Turnier und die Rolle des Titelverteidigers. Zverev bringt seinen Aufschlag und das neue Selbstvertrauen aus Paris mit, trifft aber auf einen Gegner, der ihn seit fast zwei Jahren beherrscht.

Auf dem schnellen Rasen wird das Finale über den Aufschlag laufen. Beide halten ihre Spiele lange souverän, die Sätze dürften eng werden und der eine oder andere erst im Tiebreak fallen. Zverev hat auf diesem Belag die Mittel Sinner gefährlich zu werden. Dafür fehlte aber in den letzten Duellen der beide die Konstanz, vor allem wenn er nervös wird und beim Aufschlagen Fehler macht. Schlägt er ähnlich gut auf wie zuletzt, könnte die Partie enger werden, als viele denken. Zverev hat den besseren Aufschlag der beiden, doch wie konstant er ihn im Finale von Wimbledon hält, entscheidet darüber, ob er die Chance hat, Sinner nach neun Niederlagen in Folge zu schlagen.